Mehrheit aber für Abwarten
Experten: Zinsniveau noch zu hoch

Die Ansicht von EZB-Präsident Wim Duisenberg, der derzeitige Leitzins passe zur absehbaren wirtschaftlichen Entwicklung, wird von Experten nicht geteilt. Im EZB-Schattenrat waren auf der jüngsten Sitzung nur vier von 18 Mitgliedern der Ansicht, der Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB) könne auf dem derzeitigen Niveau von zwei Prozent bleiben, wenn die Wirtschaft sich so entwickelt, wie erwartet.

FRANKFURT/M. Die übrigen halten eine Zinssenkung entweder sofort oder später für nötig. EZB-Präsident Duisenberg hatte am Donnerstag vor dem EU-Parlament gesagt, der derzeitige Leitzins der EZB sei auf mittlere Sicht angemessen.

Der EZB-Schattenrat ist ein festes Gremium von 18 prominenten europäischen Geldpolitikexperten aus Finanzinstituten, Hochschulen und Forschungsinstituten. Es hat sich im November 2002 auf Initiative von Handelsblatt und Wall Street Journal Europe konstituiert.

Nur eine Minderheit von vier Mitgliedern des Schattenrats plädiert für eine Zinssenkung bereits auf der EZB-Sitzung am nächsten Donnerstag. Zehn weitere Mitglieder gehen zwar davon aus, dass eine weitere Zinssenkung nötig sein wird. Sie halten die Lage aber nicht für dramatisch genug, dass die EZB nach der Zinssenkung im Juni bereits jetzt wieder nachlegen müsste.

„Der Rückgang der Inflationserwartungen auf deutlich unter zwei Prozent, sollte eine Notenbank, die die Inflation bei nahe zwei Prozent halten will, zum Handeln animieren“, argumentierte der belgische Ökonomieprofessor Paul De Grauwe. Sein Mailänder Kollege Francesco Giavazzi schloss sich an: „Der entscheidende Faktor für das Handeln der Notenbank muss die erwartete Inflationsrate auf mittlere Sicht sein.“ Acht Bankvolkswirte im Schattenrat bringen monatlich detaillierte Konjunktur- und Preisprognosen in die Beratungen ein. Im Durchschnitt erwarten sie für 2003 nur eine Inflationsrate von 1,3 Prozent. Das ist deutlich weniger als die „nahe an aber weniger als zwei Prozent“, die die EZB anstrebt.

Wachstumsprognose nach unter revidiert

„Die Inflationserwartungen waren in den letzten Jahren notorisch zu niedrig“ hielt Daniel Gros vom Brüsseler Forschungsinstitut CEPS dem entgegen. Thorsten Polleit von der Investmentbank Barclays Capital und Charles Wyplosz von der Universität Genf wandten außerdem ein, dass die Geldpolitik im gegenwärtigen Umfeld wenig tun könne, um den Preisauftrieb zu steigern und die Konjunktur zu stützen. „Die Wirtschaft ist derzeit in einem Anpassungsprozess im Gefolge der geplatzten Börsenblase. Daran können noch niedrigere Zinsen auch nichts ändern“, sagte Polleit.

Während sich die Inflationsprognosen zum Vormonat nicht nennenswert änderten, wurden die Wachstumsprognosen weiter nach unten revidiert, trotz der zwischenzeitlich erfolgten kräftigen Zinssenkung durch die EZB.

Für dieses Jahr rechnen die Prognostiker des Schattenrats nur noch mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von 0,6 Prozent, gegenüber zuvor 0,7 Prozent. Die Rate für 2004 wurde von 2,0 auf 1,8 Prozent nach unten revidiert.

Von Seiten der Fraktion, die für sofortige oder später noch folgende Zinssenkungen eintrat, wurde immer wieder das warnende Beispiel Japan angeführt. Das Risiko, dass die Wirtschaft stärker schrumpft als erwartet und die Inflation ins negative Territorium abgleitet, müsse besonders ernst genommen werden, hieß es von mehreren Seiten. Wenn eine Deflation erst einmal da sei, könne die Geldpolitik nur noch wenig tun, die Wirtschaft wieder herauszuführen.

Julian Callow von der Investmentbank Credit Suisse First Boston wies zudem darauf hin, dass niedrige Zinsen den zum Teil hoch verschuldeten Unternehmen bei der „Reparatur“ ihrer Bilanzen helfen. Sie könnten durch Umschuldung ihre Zinslast vermindern. Dadurch würde der Druck etwas von ihnen genommen, durch Kapazitätsabbau und Entlassungen Kosten einzusparen.

Die Diskussion um die mangelhafte Einhaltung der Defizitgrenze des Stabilitäts- und Wachstumspakts durch einige große Länder sollte nach Ansicht der Mehrheit der Schattenratsmitglieder keine Rolle für die Geldpolitik spielen. „Da ich nicht glaube, dass die Finanzpolitik zur Konjunktursteuerung taugt, sollte die EZB auch ihr Handeln nicht von finanzpolitischen Entwicklungen abhängig machen“, drückte Thomas Mayer von der Deutschen Bank diese Haltung aus.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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