Meinhard Miegel Was nach dem Wachstum kommt

Mit seinem neuen Buch "Exit - Wohlstand ohne Wachstum" greift der renommierte Sozialforscher das Dogma der modernen Wirtschaftspolitik an: Wachstum um jeden Preis wird künftig nicht mehr möglich sein, Wohlstand dagegen schon - wenn die Menschheit umdenkt.
  • Peter Felixberger
3 Kommentare

ERDING. Für Meinhard Miegel hat sich in den letzten zehn Jahren fatalerweise nur wenig geändert. Wir leben, so der renommierte Sozialforscher, nach wie vor in einer deformierten Gesellschaft, die sich auf einer Wohlstandsinsel eingerichtet hat, abtaucht, wenn Krisenwellen sie zu überspülen drohen, und die selbst in der größten Wirtschaftskrise nimmermüde das Wachstumsmantra rezitiert. „Bereits die bloße Vorstellung, dass es auch abwärtsgehen kann und auf hohe Hochs nicht selten tiefe Tiefs folgen, ist für sie unerträglich.“ In der Sonderkonjunkturphase von 1950 bis 2000 haben sich die Menschen offenbar an die Wohlstandsexplosion gewöhnt. Auch die Politiker, die ihre Wahlerfolge mit dem Wirtschaftswachstum verknüpft haben. Doch damit ist jetzt Schluss, so Miegels Befund.

Denn warum sollen wir weiter einer Denkfigur vertrauen, die uns den Weg in die falsche Richtung weist? Warum sollen die Menschen mehr konsumieren, wenn sie schon alles haben? Miegel legt den Finger in die Wunde. Denn mehr Wachstum bedeutet nicht zwangsläufig mehr Wohlstand. Es kommt nur darauf an, wie man Wohlstand definiert. Wenn damit neben Geld auch saubere Luft, Wasser und Böden gemeint sind, hat mehr Wachstum nur dazu geführt, auf die drei Letztgenannten nicht mehr unbegrenzt zugreifen zu können. Miegel ist rigoros: „Die große Sause ist vorüber, die Bar ist geschlossen. Unter solchen Bedingungen nicht noch einen Drink zu nehmen ist kein Akt freiwilliger Zurückhaltung.“

Wie sieht der künftige Wohlstand aber aus? Miegels Antwort greift leider zu kurz: „Wohlstand heißt nicht, viel zu haben, sondern wenig zu benötigen.“ Halt, möchte man ausrufen. Die Knappheitsethik widerspricht jeder menschlichen Natur – und jeder wirtschaftlichen Realität. Denn der Mensch will aus dem Vollen schöpfen. Und die Wirtschaft braucht den Überfluss, um Produkte und Innovationen zu schaffen. Beide leben durch Vielfalt und Verschwendung und nicht durch Geiz und Sparsamkeit. Wohlstand heißt, kreativ zu werden und Probleme wie Armut und Klimawandel zu lösen. Zum Beispiel durch eine CO2-freie Mobilität. Hier setzt eine neue Wachstumsspirale ein. Ein Exit ist dafür vorher nicht notwendig.

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3 Kommentare zu "Meinhard Miegel: Was nach dem Wachstum kommt"

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  • Natürlich kann es kein ewiges Wachstum geben. Variationen technischer Produkte sind nicht unbedingt Wachstum. Selbst die Geldmenge die für Güter und Leistungen pro Jahr bezahlt wird ist es auch nicht unbedingt.
    Ein ganz anderes Steuersystem könnte auch ein Umdenken bewirken.

  • "Wohlstand heißt, kreativ zu werden und Probleme wie Armut und Klimawandel zu lösen. Zum beispiel durch eine CO2-freie Mobilität. Hier setzt eine neue Wachstumsspirale ein."

    Falsch - entweder gehen dadurch die Hersteller und Dienstleister im bisherigen Transportwesen pleite, oder sie ersetzten die bislang bestehenden Technologien und führen so ihr Geschäft fort. Damit würde dann der Umsatz der "alten Technologie" zugunsten der "neuen" weichen.

    Ein Wachstum ist unterm Strich nicht gegeben.

  • "Die Knappheitsethik widerspricht jeder menschlichen Natur – und jeder wirtschaftlichen Realität. Denn der Mensch will aus dem Vollen schöpfen. Und die Wirtschaft braucht den Überfluss, um Produkte und innovationen zu schaffen. Halt,möchte man ausrufen." - Anders herum ist es richtig: Wenn der Mensch und die wirtschaftliche Realität so sind, widerspricht es der Natur. Letztere hat das Sagen.

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