Moderate Tarifpolitik verbessert deutsche Wettbewerbsfähigkeit
Lohnstückkosten gehen zurück

So viel Lob für die Gewerkschaften gab es schon lange nicht mehr. „Die Gewerkschaften haben in den letzten Jahren Lohnzurückhaltung geübt“, hob Bundespräsident Horst Köhler in seiner wirtschaftspolitischen Grundsatzrede jüngst hervor. „Damit haben sie einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit geleistet.“

DÜSSELDORF. Selbst altgediente Gewerkschaftskritiker wie ZEW-Chef Wolfgang Franz, auf Empfehlung der Arbeitgeber Mitglied des Sachverständigenrates, finden positive Worte: „Bei den meisten Gewerkschaftsfunktionären ist die Einsicht gewachsen, dass sie vor dem Hintergrund des internationalen Standort-Wettbewerbs bei den Lohnanstiegen Abstriche machen müssen.“

Nur noch auf dem Papier sind die Löhne und Gehälter in Deutschland 2004 nennenswert gestiegen: In den Tarifverträgen konnten die Gewerkschaften gegenüber dem Vorjahr nach Angaben der Bundesbank noch ein Plus von 1,3 Prozent durchsetzen. Tatsächlich aber traten die effektiven Löhne und Gehälter pro Arbeitnehmer auf der Stelle: Sie legten nur um magere 0,1 Prozent zu – weil die Arbeitgeber parallel zu den Tariflohn-Anstiegen übertarifliche Leistungen wie Weihnachts- und Urlaubsgeld kürzten und durch flexiblere Arbeitszeiten Überstundenzuschläge wegfielen. „Diese negative Lohndrift zeigt, dass die wahren Reformer in Deutschland in den Unternehmen sitzen“, sagt Jörg Krämer, designierter Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank. „Die Firmen tun alles, um ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.“

Mit einigem Erfolg. So sind die Lohnstückkosten im vergangenen Jahr zum ersten Mal seit 1997 in Deutschland zurückgegangen – um immerhin 1,1 Prozent. In der Industrie, die besonders stark im internationalen Wettbewerb steht, sanken sie sogar 2004 zum zweiten Mal in Folge, nach einem Minus von einem Prozent im Vorjahr diesmal um stattliche 4,1 Prozent. „Was da im vergangenen Jahr passiert ist, ist wirklich bemerkenswert“, wundert sich Jürgen Michels, Deutschland-Volkswirt der amerikanischen Großbank Citigroup. „Die deutschen Unternehmen haben es geschafft, ihren Lohnkostennachteil im Vergleich zu den anderen europäischen Ländern zu reduzieren.“ Diese Entwicklung sei einer der Gründe dafür, dass die deutschen Unternehmen trotz der Euro-Aufwertung und des steigenden Ölpreises 2004 auf dem Weltmarkt Marktanteile gewonnen hat.

Volkswirte warnen allerdings davor, diese Zahlen überzubewerten. Denn so positiv die jüngste Entwicklung sei – sie reiche längst noch nicht aus, um die Sünden der Vergangenheit auszugleichen. Schließlich seien die Löhne zu Beginn der neunziger Jahre im Zuge des Wiedervereinigungsbooms jahrelang deutlich stärker gestiegen als die Produktivität. Die Folge: Zwischen Anfang und Mitte der neunziger Jahre schossen die Lohnstückkosten um 14 Prozent nach oben. „Unter dieser Entwicklung leidet die deutsche Wirtschaft bis heute“, betont Citigroup-Experte Michels. So waren die Lohnstückkosten im vergangenen Jahr trotz des Rückgangs gegenüber 2003 noch immer 16 Prozent höher als 1991. Auch im internationalen Vergleich ist das Niveau nach wie vor hoch: In Frankreich und den USA beispielsweise waren die Lohnstückkosten im verarbeiteten Gewerbe nach Berechnungen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) 2003 – aktuellere Zahlen liegen bislang nicht vor – jeweils 16 Prozent niedriger als in Deutschland. „Im vergangenen Jahr haben wir zwar bei der Lohnpolitik einen moderaten Kurs gefahren – dieser hat das Niveauproblem bei den Lohnstückkosten aber noch nicht beseitigt“, betont IW-Chef Michael Hüther.

Zudem sind die Zahlen zur Entwicklung der Lohnstückkosten nach Ansicht zahlreicher Volkswirte durch den massiven Stellenabbau in den deutschen Unternehmen verzerrt. „Ein Teil des Produktivitätszuwachses entsteht dadurch, dass die Unternehmen ihre Belegschaften reduzieren“, betont der Wirtschaftsweise Franz. So argumentiert auch IW-Chef Hüther: „Im verarbeitenden Gewerbe dürfte rund die Hälfte des Rückgangs der Lohnstückkosten auf den Beschäftigungsabbau zurückzuführen sein.“

Schon allein deshalb sind sinkende Lohnstückkosten und steigende Arbeitslosigkeit zumindest kurzfristig nicht zwangsläufig ein Widerspruch. Volkswirte raten daher den Tarifparteien zu einem langem Atem: „Für spürbare positive Effekte auf dem Arbeitsmarkt muss die moderate Lohnpolitik glaubwürdig über einen längeren Zeitraum fortgeführt werden“, sagt der Wirtschaftsweise Franz. Allerdings habe die moderate Lohnpolitik auch schon kurzfristig gewirkt, ist Bankenvolkswirt Krämer überzeugt: „Sie hat 2004 noch Schlimmeres auf dem Arbeitsmarkt verhindert.“

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