Musterschüler Deutschland
IWF lobt den einstigen Sündenbock

Es ist noch nicht lange her, da wurde die deutsche Wirtschaftspolitik schärfstens kritisiert: Zu hohe Leistungsbilanzüberschüsse, zu schwacher Binnenkonsum. Beim IWF-Jahrestreffen in Washington gab es für Deutschland allerdings nur Lob und Bewunderung, sowohl von den Industrienationen, als auch vom IWF selbst.
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WASHINGTON. Der Internationale Währungsfonds und die wichtigsten Industrieländer der Welt blicken mit Bewunderung auf den kräftigen Aufschwung in Deutschland. Die hohen Wachstumsraten und die geringe Arbeitslosigkeit seien beim Jahrestreffen des Währungsfonds in mehreren Sitzungen "als positives Beispiel" genannt worden, sagte Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen, der den erkrankten Minister Wolfgang Schäuble (CDU) vertrat.

Bundesbank-Präsident Axel Weber betonte, Deutschland stehe "am Rande einer sich selbst tragenden Wachstumsentwicklung". Angesichts des starken zweiten Quartals mit einer auf das Jahr hoch gerechneten Wachstumsrate von fast neun Prozent könne schon fast von chinesischen Verhältnissen gesprochen werden. Allerdings sei dieses Wachstumstempo im zweiten Halbjahr 2010 nicht zu halten. Gleichwohl sei die Konjunkturerholung "intakt"; eine Abkühlung der Konjunktur stehe nicht an.

Binnennachfrage gewinnt in Deutschland an Bedeutung

Weber wie Staatssekretär Asmussen betonten, dass mittlerweile die Binnennachfrage in Deutschland den größeren Teil zum Wachstum beisteuere und nicht mehr die Exporte. "In Deutschland war das Wachstum in jüngster Zeit ausgeglichener, als wir es früher gesehen haben", sagte Weber. Damit leiste Deutschland einen positiven Beitrag zur globalen Wachstumsentwicklung. "Das ist ein Stück von mehr Ausgewogenheit, die ja immer gefordert wird", sagte Asmussen.

Deutschland war in jüngster Zeit wiederholt - vor allem von den USA - aufgefordert worden, mehr für das Weltwirtschaftswachstum zu tun und seine Binnenwirtschaft stärker anzukurbeln. Deutschland verfügt als Export-Vizeweltmeister über hohe Leistungsbilanzüberschüsse.

Bundesbankchef Weber betonte, dieses Problemfeld sei auch während der IWF-Tagung angesprochen worden. Dazu habe Deutschland deutlich gemacht, dass sein Exporterfolg nichts mit einer zielgerichteten Wechselkurspolitik zu tun habe, sondern die Folge einer erhöhten Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie sei: Wettbewerbsfähigkeit werde in Betrieben gewonnen und nicht an den Devisenmärkten.

Zudem sei die Entwicklung am deutschen Arbeitsmarkt der Beleg dafür, dass Deutschland mehr Flexibilität aufweise, als dem Land manchmal nachgesagt werde. Asmussen ergänzte, die Unstimmigkeiten mit den USA und namentlich mit US-Finanzminister Timothy Geithner, der immer die deutsche Wirtschafts- und Finanzpolitik kritisiert hatte, seien beigelegt. "Das Klima ist gut", versicherte er.

Die US-Regierung selbst gerät derweil zunehmend unter Druck, mehr für das Wirtschaftswachstum zu tun. Bisher haben die Konjunkturpakete in den Vereinigten Staaten nämlich nicht dazu geführt, die Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Im Gegenteil, nach aktuellen Angaben liegt sie bei 9,6 Prozent. Die Ex- Wirtschaftsberaterin von US-Präsident Barack Obama, Christina Romer, und Nobelpreisträger Joseph Stieglitz machten am Rande der IWF-Tagung deutlich, dass ein weiteres Konjunkturpaket notwendig sei. Stieglitz schlug zusätzliche Investitionen in die Infrastruktur vor.

Sven Afhüppe
Sven Afhüppe
Handelsblatt / Chefredakteur

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