Nach Jahrhundertbeben
Katastrophe lässt Japans Wirtschaft schrumpfen

Die japanische Wirtschaft ist nach dem Jahrhundertbeben und dem Super-GAU stärker geschrumpft als von Experten erwartet. Die japanische Regierung zeigt sich jedoch optimistisch und spricht von einem temporären Phänomen.
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TokioJapan droht nach dem Jahrhundertbeben und dem Super-GAU wirtschaftlich den Anschluss an die boomende Weltwirtschaft zu verlieren. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte im ersten Quartal um 0,9 Prozent und damit fast doppelt so stark wie von Experten erwartet, wie die Regierung in Tokio am Donnerstag mitteilte. Während China und Deutschland die Krise abgehakt haben und mit hohen Wachstumsraten glänzen, schrumpft Japans Wirtschaft bereits seit einem halben Jahr und ist damit in die Rezession abgerutscht. Wegen Lieferengpässen in der Industrie nach dem Beben und drohender Stromausfälle im Sommer wird die drittgrößte Wirtschaftsnation der Welt wohl erst in der zweiten Jahreshälfte wieder etwas auf die Beine kommen.

Japan hatte sich erst im zweiten Quartal 2009 aus der schwersten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg gelöst. Jetzt wird klar: Das Erdbeben, der Tsunami sowie die Atomkatastrophe um das AKW Fukushima dürften die Exportnation in eine noch tiefere Krise gestürzt haben. „Die Folgen des Bebens sind sehr heftig und es wird lange dauern, bis der frühere Zustand wieder erreicht ist“, warnte Chefökonom Yoshikiyo Shimamine vom Dai-Ichi Life Research Institute. Zudem zeigte sich, dass die Wirtschaft bereits Ende 2010 deutlich stärker schrumpfte als bislang angenommen. Die Commerzbank betonte: „Auch wenn der Wiederaufbau im zweiten Halbjahr die konjunkturelle Dynamik zusätzlich unterstützen dürfte, könnte nunmehr das Bruttoinlandsprodukt auch für das Gesamtjahr 2011 zurückgehen.“

Japans Regierung verbreitet indes Optimismus: „Die Wirtschaft hat die Kraft, ein Comeback zu feiern“, sagte Wirtschaftsminister Kaoru Yosano und sprach von einem vorübergehenden Phänomen. Der Rückgang des BIP sei weitgehend auf die Folgen des Erdbebens zurückzuführen. Die Zuliefererkette in der Industrie stabilisiere sich allmählich, und der Wiederaufbau dürfte für Schwung sorgen. Yosano bekräftigte die Prognose der Regierung, die für das im April begonnene Fiskaljahr mit einem Wachstum von knapp einem Prozent rechnet.

Die Industrie ist aber vorerst noch mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Im März brach ihre Produktion um beispiellose 15,5 Prozent zum Vormonat ein, die Kapazitätsauslastung sackte im Rekordtempo um mehr als ein Fünftel ab. Die Autobauer Toyota, Honda und Nissan versuchen ihre Produktion so rasch wie möglich auf das Niveau von vor der Katastrophe zu erhöhen. Von Juli bis September wollen die Hersteller und Zulieferer nun auch an den Wochenenden arbeiten und statt dessen donnerstags und freitags die Bänder ruhen lassen. Damit will die Branche Stromengpässe vermeiden. Toyota muss wegen des Bebens um seine Weltmarktführerschaft bangen. Der US-Konzern General Motors und Volkswagen sitzen den Japanern im Nacken. Im ersten Quartal verkaufte Toyota bereits weniger Autos als der US-Rivale.

Grund dafür dürfte auch sein, dass sich die japanischen Verbraucher mit ihren Ausgaben zurückhielten. Der private Konsum, der etwa 60 Prozent der Wirtschaft ausmacht, sank um 0,6 Prozent. Die Investitionen fielen sogar um 0,9 Prozent und belegen den geringen Optimismus der Firmen für die Zukunft.

Trotz der Krise dürfte die japanische Notenbank bei ihrem Zinsentscheid am Freitag an ihrer Politik des billigen Geldes festhalten. Sie hatte zuletzt allerdings auch ihre Bereitschaft signalisiert, ihre Geldpolitik weiter zu lockern, sollte das Beben die Wirtschaft stärker als erwartet belasten. Möglich ist etwa der Ankauf von Wertpapieren.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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