Nach Sanktionen gegen Russland
Londoner City fürchtet Flucht der Oligarchen

Spötter haben London schon den Beinamen „Londongrad“ gegeben – so stark ist der Finanzplatz mit den Öl- und Gasmilliarden aus Russland verbandelt. Die Sanktionen im Zuge der Ukraine-Krise lassen die City zittern.
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LondonIn der „Quadratmeile“ geht die Angst um – wieder einmal. Seit 2008 die Finanzkrise mit voller Wucht zuschlug und ein Erdbeben durch die Bankentürme und Glaspaläste in der Londoner City schickte, folgt am wichtigsten Finanzplatz Europas eine Hiobsbotschaft der nächsten. Im Moment, so fürchten Skeptiker, könnten die EU-Sanktionen gegen Russland der City und damit dem wichtigsten Sektor der britischen Volkswirtschaft schaden. Das Geld der Oligarchen und staatlicher russischer Konzerne spielt in London eine große Rolle – auch wenn die reale britische Wirtschaft viel weniger mit Russland verflochten ist, als etwa Deutschland.

113 Firmen aus Russland und den GUS-Staaten sind an der Londoner Börse gelistet. Experten sehen schon seit Tagen Geldflüsse aus London in Richtung Osten. „Ich habe Leute gehört, die sagen, die City of London wird nicht die Schmerzen auszuhalten haben, aber das ist nicht wahr“, sagte Handelsstaatssekretär Ian Livingston der „Mail on Sunday“. „Die besten Sanktionen sind die, die diejenigen treffen, die man sanktionieren will“, fügte er orakelnd hinzu.

Der Ölkonzern BP, aufs Engste mit dem russischen Staatskonzern Rosneft verflochten, war am Dienstag der erste große Player, der sich offen gegen weitere Sanktionen gegen Russland aussprach. Sanktionen könnten „eine stark nachteilige Wirkung“ auf die Geschäftsbeziehungen mit Rosneft und die Finanzlage von BP haben, teilte das Unternehmen im Bericht über das zweite Quartal 2014 am Dienstag in London mit. Nach einem Aktientausch gehören BP rund 20 Prozent des staatlichen russischen Ölkonzerns, den die USA bereits mit Sanktionen belegt haben.

Großbritannien tut sich allgemein schwer mit den Russen. Premierminister David Cameron hat bisher – etwa in der Europapolitik – alles getan, um die Londoner City, den Motor der britischen Wirtschaft, zu schützen. In der Russland-Politik ist es für ihn eine Abwägungssache: Er darf der City nicht zu sehr schaden, um neun Monate vor der Parlamentswahl den noch fragilen Aufschwung nicht zu ersticken. Andererseits muss er sich außenpolitisch auch positionieren – Moskau gilt beim britischen Wahlvolk nicht gerade als Lieblingspartner.

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  • Worum geht´s hier eigentlich?

    Jedes EU-Mitglied möchte gern seine Pfründe aus den Russland-Geschäften behalten; gleichzeitig tut jedes Mitgliedsland scheinheilig so, als wenn jetzt die große Sanktionskeule gegen geschwungen werden kann.

    Das ist ein Irrglaube und viele Staaten wie Großbritannien und Deutschland werden mehr verlieren als gewinnen.

    Gewinnen schon, aber nur an Erfahrung (dass man mit einem so großen Land wie Russland nicht so herumspringen kann, wie man lustig ist!).

    Hat´s geschnackelt?

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