Nach Steinbrücks Warnung
Inflation vs. Deflation: Wohin führt die Krise?

Die Gasversorger senken ihre Preise, und auch Milch, Kaffee, Mehl sind billiger als noch vor einem halben Jahr. Vieles wird günstiger. Doch was den Verbraucher freut, schreckt Ökonomen auf. Sie fürchten dauerhaft sinkende Preise, die Deflation, wie der Teufel das Weihwasser. Doch steuert uns die derzeitige Krise überhaupt in diese Richtung? Die EZB hält anders als Finanzminister Steinbrück einen Preisverfall tatsächlich für ein realistisches Szenario.

NICOSIA/DÜSSELDORF. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) geriert sich als Geldpolitiker und erntet dafür bei Top-Ökonomen ungläubiges Kopfschütteln. Mehr noch: Seine Warnung vor einer weltweiten Inflation mündet unmittelbar in eine ganz andere Debatte: Nicht einen möglichen Preisauftrieb (Inflation) halten Experten für ein Problem, sondern dauerhaft sinkende Preise (Deflation). Der Hinweis Steinbrücks auf inflationäre Risiken sei zwar grundsätzlich berechtigt, sagte der Chef des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, am Dienstag im Gespräch mit Handelsblatt.com. „Allerdings ist es wenig hilfreich, in der gegenwärtigen Situation mit sonst noch Denkbarem öffentlich zu hantieren, da eine Deflation, also eine nachhaltige Depression der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, das viel größere Risiko darstellt.“

Auch das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) wandte sich gegen Fehleinschätzungen der Politik in Bezug auf die konjunkturelle Entwicklung. „Die Inflationsdebatte entbehrt in Zeiten der Deflationsgefahr nicht des Absurden“, sagt IMK-Direktor Gustav Horn bei Handelsblatt.com. Eine solche Debatte werde erst dann relevant, wenn die Konjunktur wieder Tritt gefasst habe. „Gefährlich wäre es, sie als Alibi fürs Nichts- Tun zu verwenden.“ Nur schuldenfinanzierte Konjunkturmaßnahmen könnten die Konjunktur stimulieren, betonte Horn und fügte hinzu: „Alles andere wäre Gas geben und bremsen zugleich.“

Steinbrück hatte am Wochenende angesichts der auf Pump finanzierten billionenschweren Ausgabenprogramme vor einer weltweiten Inflation gewarnt und sich dafür ausgesprochen, mittelfristig die enorme Liquidität wieder abzuziehen. Das werde eine besondere Herausforderung für alle Zentralbanken, hatte der SPD-Politiker gesagt.

Der Begriff Inflation steht für einen andauernden, massiven Preisanstieg: Es muss immer mehr Geld für die gleiche Ware auf den Tisch gelegt werden. Ergebnis: Das Geld ist immer weniger wert. 1923 beispielsweise, zum Ende der Inflation in Deutschland, kostete ein Pfund Butter rund 14 000 Mark, ein Pfund Kaffee gar 31 000 Mark. Grund für die derzeitigen Inflationsängste ist die riesige Geldmenge, die durch Konjunkturprogramme zusätzlich in den Markt gepumpt wird. Steht dem Gesamtangebot an Gütern eine zu große Geldmenge gegenüber, sind steigende Preise die Folge - die Inflation setzt ein.

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