Nachgefragt
„Der Fed mangelt es an Klarheit“

Stephen King, Leiter der Abteilung Strategie/Volkswirtschaft bei der Bank HSBC in London, über das Verhalten der US-Notenbank und künftige wirtschaftliche Entwicklung in USA und Europa.

Mitglieder der US-Notenbank wie Alan Greenspan und Ben Bernanke haben sich zum Teil widersprochen. Wie interpretieren Sie diese Aussagen?

Die Fed scheint über die Risiken für die Wirtschaft unsicher. Denn zyklisch betrachtet sehen die Dinge besser aus; normalerweise würde dies höhere Zinsen rechtfertigen. Doch mit der anhaltend niedrigen Inflation scheint das Risiko einer Deflation zu wachsen. Sollte es dazu kommen, könnte die wirtschaftliche Erholung untergraben werden; die Zinsen blieben für lange Zeit niedrig.

Fehlt es an Abstimmung innerhalb der Fed?

Ich nehme an, dass einige in der Fed mehr Gewicht auf die zyklische Erholung legen, während andere sich mehr über die strukturellen Deflationsrisiken sorgen.

Hat sich die Politik geändert?

Die Politik der Fed hat in den ersten Monaten 2003 unter mangelnder Klarheit gelitten. Es schien so, als ob sie die Renditekurve bewusst manipulieren wollte, indem sie andeutete, Bonds mit langer Laufzeit kaufen zu wollen. Die Aussagen Greenspans vor dem Kongress haben aber die Marktmeinung geändert. Ergebnis: Bonds wurden aggressiv verkauft. Ich glaube nicht, dass die Politik sich verändert hat.

Wird die Fed auf ihrer Sitzung heute etwas unternehmen?

Keine Änderung der Zinsen. Es bleibt die Balance zyklischer Hoffnungen und die Sorge über die zu niedrige Inflation.

Hat die Fed an den Märkten an Einfluss verloren?

Die Feststellungen der Fed sind sehr wichtig, aber ich denke, es gibt Sorgen, ob sie es geschafft hat, den Märkten eine verständliche Botschaft zu übermitteln. Verwirrungen und Notenbanken sind unglückliche Verbindungen.

Wie geht es an den Finanzmärkten bis Ende des Jahres weiter?

Die wirtschaftliche Erholung wird letztlich enttäuschen. Als Ergebnis werden Aktien nachgeben und Anleihen wieder zulegen.

Wo liegen die größten Risiken im zweiten Halbjahr?

Im günstigeren Fall läuft es darauf hinaus, dass die Investments in den USA höher sind als die Schuldentilgungen. Im schlechteren Fall stagniert die Erholung, weil die Kapitalmarktzinsen steigen, die Inflation fällt, Europa in eine ausgedehnte Rezession abrutscht und höhere Ölpreise weiter die Erträge belasten.

Die Fragen stellte Regine Palm.

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