Nachgefragt
„Deutschen fehlt Vertrauen in Reformkurs“

Jürgen Stark, Vizepräsident der Bundesbank und derzeitiger kommissarischer Geschäftsführer, nimmt im Handelsblatt-Interview Stellung zu Wachstumsprognose und dem Spielraum für Zinssenkungen.

Deutschlands führende Wirtschaftsforschungsinstitute werden ihre Wachstumsprognose für Deutschland herabsetzen. Schließen Sie sich der Einschätzung an?

Nationale und internationale Institutionen haben Deutschland für 2004 ein Wachstum zwischen 1,5 und 2,0 Prozent vorausgesagt. Ich glaube, es ist realistisch, von einem Wachstum am unteren Ende dieses Spektrums auszugehen – also von etwa 1,5 Prozent. Wir erwarten dennoch eine gewisse Beschleunigung im Laufe dieses Jahres. Allerdings ist ein halber Prozentpunkt allein durch die höhere Zahl an Arbeitstagen bedingt.

Niedrigeres Wachstum bedeutet weniger Steuereinnahmen: Eine neue Belastung für die öffentlichen Haushalte?

Derzeit entwickeln sich die Steuereinnahmen relativ günstig. Im Moment habe ich keine Befürchtung, dass das Defizit-Ziel von weniger als drei Prozent Neuverschuldung 2005 nicht erreicht werden könnte. Sollte die Konjunktur in diesem Jahr jedoch nicht so anspringen wie erwartet und sollte sich die Dynamik für 2005 abschwächen, könnte die Drei-Prozent-Marke erneut schwierig werden.

Die Binnen-Nachfrage in Europa ist schwach, die Sparquote relativ hoch: Wie kann der private Verbrauch angekurbelt werden?

Dass der Binnenkonsum nicht in Schwung kommt, hängt mit dem fehlenden Verbrauchervertrauen zusammen. Viele Menschen sind wegen der nach wie vor hohen Arbeitslosigkeit verunsichert. Auch das verloren gegangene Vertrauen in die Solidität und die Nachhaltigkeit der öffentlichen Finanzen spielt hier eine Rolle. Die Mehrheit der Verbraucher befürchtet, dass die hohen Defizite letztendlich zu höheren Steuern führen. Hinzu kommt, dass die Strukturreformen kurzfristig mit Einschnitten bei den Leistungen verbunden sind.

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