Nachgefragt: Dieter Wermuth*
„Viele Parallelen zu Japan"

Steht Deutschland vor japanischen Verhältnissen?

Die Parallelen zu Japan sind inzwischen wirklich beängstigend – vor allem seit der starken Aufwertung des Euros. Ab Mitte der 90er-Jahre wertete der gewogene Wechselkurs des Yens mehr als 50 % auf. Das war in Japan der Anfang vom Ende, damit begann die Deflation. Es gibt noch mehr Parallelen: Beide Länder erlebten eine Börsen- und Investitionsblase, die inzwischen geplatzt ist.

Anders als in Japan haben wir auf dem Immobilienmarkt weder einen Boom noch einen Kollaps. Kann uns das retten?

Mit etwas Glück verhindert das tatsächlich die Deflation in Deutschland. Aber gerade im Osten gibt es seit dem Ende des Einigungsbooms durchaus eine Art Mini-Crash in diesem Bereich.

Wie wahrscheinlich ist eine Deflation in Deutschland?

Ich halte sie für sehr wahrscheinlich. Die private Konsumnachfrage und die Investitionsneigung der Unternehmen sind schwach, die Kapazitätsauslastung niedrig. Durch den steigenden Euro-Kurs stehen wir vor sinkenden Import- und Erzeugerpreisen – und schon heute ist die Inflation bei den Verbraucherpreisen äußerst niedrig. Ich denke, dass sie in Deutschland im Spätherbst die Nulllinie erreicht.

Optimisten argumentieren, in einer Währungsunion könne eine Region nicht auf Dauer in der Deflation versinken.

Langfristig ist das richtig. Fallende Preise bedeuten, dass die deutschen Produkte in der Euro-Zone konkurrenzfähiger werden. Das belebt zweifellos die Export- Nachfrage. Aber nur darauf sollte man sich nicht verlassen – wichtiger als der Export ist der private Verbrauch für die Nachfrage.

Was sollte die Politik tun?

Die EZB sollte rasch und drastisch die Zinsen senken – so weit, dass der Markt als nächsten Zinsschritt eine Erhöhung erwartet. Dafür müssten die Leitzinsen in Europa niedriger sein als in den USA. Die Steuerpolitik sollte alles tun, um den privaten Verbrauch zu entlasten. Eine höhere Mehrwertsteuer wäre daher absolutes Gift. In Japan hat die Mehrwertsteuererhöhung 1997 das Land erst richtig in den Abgrund geschubst.

* Dieter Wermuth ist Deutschland-Experte der Bank United Financial of Japan (UFJ)

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