Nachgefragt
Interview: „Deutschland verschwendet Geld“

Augusto Lopez-Claros ist Chefökonom des Weltwirtschaftsforums mit Sitz in Genf. Im Interview mit dem Handelsblatt nennt er vorallem das hohe Haushaltsdefizit in Deutschland als Grund für die schwache Platzierung im Wettbewerbsvergleich.

HB: Herr Lopez-Claros, Deutschland belegt im weltweiten Vergleich der Wettbewerbsfähigkeit Platz 13 von 102 Staaten. Woran liegt das ?

Lopez-Claros: Nun, die mittel- bis langfristigen Wachstumsperspektiven werden als eher schlecht beurteilt. Schuld daran ist zum Beispiel das hohe Haushaltsdefizit, da kommt Deutschland nur auf Platz 54. Das ist hart, das hat die Bewertung Deutschlands insgesamt nach unten gezogen. Wenn in Deutschland noch wie vor sechs Jahren – als es sich für den Stabilitäts- und Wachstumspakt einsetzte – das Streben nach Haushaltsdisziplin dominieren würde, hätte Deutschland sicherlich einen besseren Platz erreicht.
Zusätzlich ist ein Großteil der Befragten der Meinung, dass die deutsche Regierung das Geld nicht für vernünftige Zwecke ausgibt, sondern es verschwendet. Das gilt auch für Frankreich. Zum Beispiel wird in ganz Europa zu viel Geld für die Subventionierung der Landwirtschaft ausgegeben. Das zieht den ganzen Kontinent in der Bewertung nach unten.

HB: Bei der Beurteilung der Wettbewerbsbedingungen auf der Unternehmensebene erreicht Deutschland immerhin den fünften Platz. Wie erklären Sie diese Diskrepanz?

Lopez-Claros: Die aktuellen Rahmenbedingungen für Unternehmen sind in Deutschland relativ gut. Zum Beispiel erreicht Deutschland bei der Beurteilung der öffentlichen Institutionen – zum Beispiel des Rechtssystems – Platz neun. Frankreich und Italien sind da weit abgeschlagen, vor allem wenn man sich das Rechtssystem, die Sicherheit von Verträgen und die Korruption anschaut. Und auch bei der Innovationskraft ist Deutschland unter den Top Ten. Für die Deutschen besteht insgesamt ohnehin kein Grund zur Beunruhigung, eher sollten die Franzosen auf der Hut sein.

HB: Wieso haben die USA dieses Jahr nicht mehr den ersten Platz belegt?

Lopez-Claros: Die USA haben nur deswegen noch den zweiten Platz erreicht, weil sie technologisch die Nummer eins sind. Auf der makroökonomischen Ebene haben die USA dagegen zwei große Probleme: die Defizite in der Leistungs- und in der Handelsbilanz. Ich könnte mir vorstellen, dass die USA deswegen bei der nächsten Umfrage im kommenden Jahr vom zweiten Platz nach unten verdrängt werden. Hinzu kommen weitere Problembereiche: Die US-Sparquote ist die niedrigste weltweit.

HB: Finnland ist das wettbewerbsfähigste Land der Welt. Was können die anderen Staaten von Finnland lernen?

Lopez-Claros: Finnland ist einfach in allen Bereichen gut. Die makroökonomischen Rahmenbedingungen sind gut, die politischen Institutionen auch, und in Sachen Technologie belegen die Finnen ebenfalls einen der ersten Plätze. Vor allem das finnische Bildungssystem ist vorbildlich: Finnland hat den weltweit höchsten Bevölkerungsanteil mit abgeschlossener Hochschulbildung. Die Kooperationen zwischen Hochschulen und Unternehmen laufen so gut wie sonst nirgends auf der Welt, noch nicht einmal die USA können da mithalten. Nirgendswo sonst haben so viele Kindern in den Schulen Zugang zum Internet.

HB: Welche Staaten haben dieses Jahr aufgeholt?

Lopez-Claros: Interessant ist, dass einige der künftigen osteuropäischen Beitrittskandidaten sich in einigen Bereichen bereits besser als die alteingesessen Staaten entwickeln. Estland zum Beispiel erreicht den zehnten Platz auf unserem Technologie-Index, Deutschland kommt dagegen hier auf Platz 14, Italien auf Platz 44.

Die Fragen stellte Petra Schwarz

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