Nachgefragt: Jan-Egbert Sturm
Hilfreiche Mosaiksteine

Die Aussagekraft der Konjunkturindikatoren hat in den letzten Jahren gelitten. Der Grund dafür ist, so Professor Sturm vom Ifo-Institut, eine ungewöhnliche Häufung von Einflüssen, die weltweit die Konjunktur gestört haben.

Herr Professor Sturm, warum hat die Aussagekraft traditioneller Konjunkturindikatoren wie des Ifo-Geschäftsklima-Indexes in den vergangenen Jahren gelitten?

Wir haben dieses Phänomen in der Tat weltweit gesehen. Die Konjunkturerwartungen sind im Frühjahr 2002 gigantisch nach oben geschnellt – dieser Optimismus hat sich dann später als übertrieben herausgestellt. Der Grund dafür ist eine ungewöhnliche Häufung von äußeren Einflüssen, die weltweit die Konjunktur gestört haben: der 11. September, die Bilanzskandale in den USA, der Kursrutsch an den Börsen und der Irak-Konflikt. Dadurch haben sich Zusammenhänge, die in der Vergangenheit bestanden, zumindest vorübergehend aufgelöst und positive Konjunkturerwartungen nicht erfüllt.

Können alternative Konjunkturindikatoren wie die der neuen Handelsblatt-Rubrik Ökonomix helfen?

Wir haben 2002 auf jeden Fall lernen müssen, dass wir bei Stimmungsindikatoren vorsichtiger sein müssen als früher – vor allem, was die Erwartungen betrifft. Bei den Stimmungsbildern zur aktuellen Konjunkturlage sind sie allerdings weiterhin aussagekräftig. Daher macht es durchaus Sinn, sich auch alternative Konjunkturindikatoren wie den Baltic-Dry-Index, den Inflations-Deflations-Frühindikator und den R-Wort-Indikator anzuschauen.

Wie hoch schätzen Sie die Aussagekraft dieser neuen, alternativen Konjunkturindikatoren ein ?

Sie sind weitere Mosaikstücke, die helfen, das Konjunkturbild besser einzuschätzen. Isoliert betrachtet, halte ich die Aussagekraft allerdings für relativ begrenzt – aber das gilt für jeden Konjunkturindikator: Man darf keinen Index isoliert betrachten, sondern muss ihn immer im Zusammenhang mit anderen Prognosewerkzeugen sehen. Die neuen Ökonomix-Indikatoren sind auf jeden Fall eine schöne Zusammenfassung von Einzelgrößen, die wir größtenteils schon nutzen – außer dem Baltic-Dry-Indikator, der mir bislang nicht bekannt war.

Der Baltic-Dry-Index läuft den deutschen Ausfuhren zuverlässig um ein bis zwei Quartale voraus. Wie beurteilen Sie ihn?

Der Baltic-Dry-Index hat seit 1998 die unteren Wendepunkte der Exportentwicklung hervorragend und im Voraus angezeigt. Aber es bleibt abzuwarten, ob das auch in Zukunft so sein wird. Aber war das zweimal Zufall, oder gilt es auch in Zukunft?

Was ist Ihre Meinung über den Political-Stress-Indikator, den die Hypo-Vereinsbank entwickelt hat?

Er erscheint mir ein bisschen fragwürdig. Die drei Einzelgrößen, die in ihn einfließen – Wirtschaftswachstum, öffentliche Neuverschuldung und Arbeitslosenquote – hängen zusammen. Und um die Wahrscheinlichkeit politischer Reformen berechnen zu können, braucht man eine Variable, die politische Turbulenzen klar zeigt. Wie soll das funktionieren?

Jan-Egbert Sturm ist Konjunktur-Chef des Münchener Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung.

Das Gespräch führte Olaf Storbeck.

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