
DüsseldorfDas schuldengeplagte Europa entwickelt sich zunehmend zu einer Bedrohung für die Weltwirtschaft. Erste Vorboten eines globalen Crashs sind die jüngsten Konjunkturdaten aus Japan und China. Einige Ökonomen sehen darin erste Anhaltspunkte dafür, dass die Euro-Krise in einer Weltwirtschaftskrise münden könnte.
„Die neuesten Zahlen auch für Deutschland verheißen in der Tat nichts Gutes. Eine Weltwirtschaftskrise kann derzeit nicht mehr ausgeschlossen werden“, sagte der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, Handelsblatt Online. „Denn es zeigt sich immer mehr, dass die jüngsten Treiber der Weltwirtschaft, die Schwellenländer, zunehmend in konjunkturelle Schwierigkeiten geraten.“
Hintergrund ist, dass die chinesische Wirtschaft nun die schwache Nachfrage aus Europa deutlich zu spüren bekommt. Der Einkaufsmanagerindex der Großbank HSBC sackte im August auf 47,8 Punkte ab nach einem Stand von 49,3 im Juli, wie aus am Donnerstag veröffentlichten vorläufigen Daten hervorging. Dies ist das niedrigste Niveau seit neun Monaten.
China und Europa sind voneinander abhängig. Das Reich der Mitte wird in diesem Jahr zum größten Exportmarkt der Europäer aufsteigen und damit die USA überholen. Umgekehrt ist die Europäische Union der größte Abnehmer chinesischer Ausfuhren. Beide Seiten handeln jeden Tag mit Waren im Wert von mehr als einer Milliarde Euro.
Nach einem Zuwachs von 37 Prozent 2010 stiegen die europäischen Ausfuhren nach China im vergangenen Jahr von Januar bis November um 21 Prozent auf 124 Milliarden Euro. Deutschland hat mit deutlichem Abstand und knapp der Hälfte der EU-Ausfuhren nach China den größten Anteil daran, gefolgt von Frankreich und Großbritannien. 60 Prozent der EU-Ausfuhren waren Maschinen und Fahrzeuge.
Während die 27 EU-Länder im Jahr 2010 rund 19,8 Millionen Autos produzierten, waren es in China nicht viel weniger: rund 18,3 Fahrzeuge.
Die Importe aus China kletterten nach einem Anstieg von 31 Prozent 2010 im vergangenen Jahr bis November um weitere fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 244 Milliarden Euro. Seit Jahren gibt es ein großes europäisches Defizit im Handel mit China, das 2010 noch bei 168 Milliarden Euro lag. Aus diesem Überschuss sammelt China die Euros in seinen weltgrößten Devisenreserven im Wert von insgesamt 3,18 Billionen US-Dollar an. Rund ein Viertel sollen Euros sein.
Während die Leistungsbilanz der 27 EU-Länder im vergangenen Jahr bei minus 24 Milliarden Euro lag, konnte China einen deutlich positiven Saldo von 258 Milliarden Euro verbuchen. Auch das BIP der Chinesen war 2011 mit 12.900 Milliarden Euro mehr als doppelt so hoch wie das BIP der EU (5100 Milliarden Euro).
Die Wirtschaftskooperation zwischen Europa und China ist rasant gewachsen. Doch beklagen europäische Unternehmen in China schlechten Marktzugang, ungleiche Wettbewerbsbedingungen, mangelnde Transparenz und Rechtsunsicherheiten.
Schlechter Schutz des geistigen Eigentums ist unverändert ein großes Problem. Sieben von zehn in China tätigen europäischen Unternehmen wurden nach eigenen Angaben schon Opfer von Urheberrechtsverletzungen mit teils erheblichen Verlusten. Mehr als die Hälfte aller Raubkopien, die der Zoll in Europa sicherstellt, stammt aus China.
Die 27 EU-Staaten zählen mit 7,1 Milliarden Euro 2010 zu den fünf wichtigsten Investoren in China - neben Taiwan, Hongkong, USA und Japan. Rund 20 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen in China stammen aus Europa. China investiert aber nur sehr zögerlich in Europa. Zwar stiegen die chinesischen Investitionen 2010 von 0,3 auf 0,9 Milliarden Euro, doch stammen nur 1,7 Prozent aller ausländischen Investitionen in Europa aus China.
Das schleppende Wachstumstempo in China, gepaart mit der Euro-Krise bremsten auch Japans Exportwirtschaft aus. Die Ausfuhren des Fernostlandes brachen im Juli zum Vorjahr um 8,1 Prozent ein und damit weit stärker als von Experten mit einem Minus von 2,9 Prozent erwartet.
Die Exporte in die von Rezessionssorgen geplagte Euro-Zone sackten zum Vorjahr sogar um mehr als ein Viertel ab. Einen solchen Einbruch hat es seit Oktober 2009 - also rund ein Jahr nach dem Ausbruch der Weltfinanzkrise - nicht mehr gegeben. "Das Abwärtstempo ist erschreckend. Die Lage erinnert an die Zeit nach der Lehman-Pleite", sagte Ökonom Masayuki Kichikawa von Bank of America Merrill Lynch.
China: 9.600.000
Deutschland: 357.000
China: 22 Prozent
Deutschland: 32 Prozent
(Angaben von 2010)
China: 56 Prozent
Deutschland: 48 Prozent
(Angaben von 2009)
China: 1.347.000.000
Deutschland: 82.000.000
(Angaben von 2011, Zahlen gerundet)
China: 75 Jahre
Deutschland: 83 Jahre
(Angaben von 2009)
China: 72 Jahre
Deutschland: 77 Jahre
(Angaben von 2009)
China: 8
Deutschland: 31
(Angaben von 2009)
China: 27
Deutschland: 502
(Angaben von 2008)
China: 5
Deutschland: 10
(Angaben von 2008)
Quellen: Weltbank, CIA, Statistisches Bundesamt, Deutsche Botschaft in Peking, Auswärtiges Amt
Horn prophezeite schon einen harten konjunkturellen Herbst und Winter, da die USA wegen ihrer privaten und öffentlichen Konsolidierungsanstrengungen und Europa wegen der Euro-Krise und des Austeritätskurses als Puffer ausfielen. Dies zeige von welch „essentieller“ Bedeutung die Überwindung der Euro-Krise sei.
Ähnlich äußerte sich der der Wormser Wirtschaftsprofessor Max Otte, der einer breiteren Öffentlichkeit durch sein 2006 geschriebenes Buch „Der Crash kommt“ bekannt wurde. „Ich habe immer gesagt, dass sich die Finanz- und Staatsschuldenkrise dann zu einer echten Weltwirtschaftskrise ausweiten kann, wenn mindestens zwei der drei großen Industrieregionen gleichzeitig betroffen sind. Dann dürften sich auch die fiskal- und geldpolitischen Maßnahmen als weitgehend wirkungslos herausstellen“, sagte Otte Handelsblatt Online. „Noch befinden sich von den Regionen nur die USA und der europäische Süden in einer echten Krise. Aber die Gefahren wachsen.“
Die Europäische Union ist der mit Abstand wichtigste Handelspartner des Exportweltmeisters. Die 27 Länder kauften 2010 chinesische Waren im Wert von 282 Milliarden Euro - 18,9 Prozent mehr als 2009. China hat deshalb ein großes Interesse an stabilen Verhältnissen bei seinem wichtigsten Kunden. Ein Viertel seiner riesigen Devisenreserven sind bereits in Euro-Wertpapieren wie Staatsanleihen angelegt. Weitet sich die Schuldenkrise in der Währungsunion aus, droht auch der Euro erheblich an Wert zu verlieren - und damit auch Chinas Euro-Investitionen.
Ja. Mit 3,2 Billionen Dollar (rund 2,3 Billionen Euro) besitzt die Volksrepublik die mit Abstand größten Devisenreserven der Welt. Allerdings steht nicht die gesamte Summe zur Verfügung, sondern wohl nur etwa 500 Milliarden Dollar. Der Rest ist entweder schon gebunden oder wird von China in Reserve gehalten, um den eigenen hoch verschuldeten Regionen im Notfall zu helfen.
Bedenken kommen vor allem aus der Zentralbank. Deren Berater Li Daokui warnt davor, größere Summen in europäische Staatsanleihen zu stecken. Auch Yu Yongding, ein ehemaliger Notenbank-Berater, warnt vor der Anhäufung immer größerer Devisenreserven.
Ja. China möchte von der EU den Status als Marktwirtschaft erhalten. Das würde automatisch den Abbau von Handelshemmnissen bedeuten, über die sich der Exportweltmeister seit langem beklagt. China erhofft sich auch ein Ende des seit dem Massaker gegen die Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 geltenden EU-Waffenembargos. Auch größere Garantien für neue Hilfen und eine Reform der Währungsunion werden gefordert.
China hat seit Ausbruch der Krise vor mehr als einem Jahr immer wieder sein Vertrauen in die Währungsunion betont. „Wir haben es zigmal gesagt, dass China bereit ist zu helfen“, betonte Ministerpräsident Wen Jiabao. „Wir werden dort weiter investieren.“ Bei Worten hat es Peking nicht belassen. Die Volksrepublik hat für viele Milliarden Staatsanleihen von angeschlagenen Euro-Ländern gekauft, während sich private Investoren aus Sorge vor einem Zahlungsausfall entweder zurückhalten oder exorbitante Zinsen verlangen.
Nein, China sichert seine Interessen auf ganz unterschiedliche Weise. Griechischen Reedern wurde ein Kredit über zehn Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt. Hintergrund: Ein Großteil der internationalen Handelsflotte fährt unter griechischer Flagge, viele der Tanker und Schiffe werden in China gebaut. Auch in Ungarn - das zwar nicht zur Euro-Zone gehört, aber ebenfalls mit einer Schuldenkrise kämpft - engagieren sich die Chinesen. Der Technologiekonzern Huawei baut dort sein weltweit zweitgrößtes Logistikzentrum, während die chinesische Fluggesellschaft HNA Group nach der ungarischen Malev greift und die China Railway Construction Corporation das Schienennetz des osteuropäischen Landes modernisieren soll.
Amnesty International befürchtet, dass Menschenrechtsfragen in den Hintergrund gedrückt werden. „Es ist zu befürchten, dass Kritik an den Menschenrechten in Zukunft noch leiser geübt wird“, sagt AI-China-Experte Dirk Pleiter. „Geraten einzelne EU-Länder in Abhängigkeit von China, wird es schwerer, innerhalb der EU eine einheitliche Linie gegenüber der Volksrepublik zu formulieren, Probleme klar anzusprechen und auch Konflikte auszutragen.“ Auch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger ist kritisch: „Es ist bedenklich, wenn ein Land, das keine Demokratie ist, Einfluss auf EU-Mitgliedsländer erhält. Ob in Menschenrechts- oder Umweltfragen: China ist in vielen Belangen kein Vorbild.

'Euro-Payer' sagt
@Rechner sagt
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@Rechner sagt:
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Weshalb eine vermehrte Kreditvergabe durch die Geschäftsbanken eine Zunahme ihres Eigenkapitals erfordert....
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Auch das ist nicht richtig. Viele Banken haben ungenutztes EK und könnten - wenn sie denn wollten und es für sie attraktiv wäre - durchaus ihre Kreditvergabe erhöhen.
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Viele Banken haben ungenutztes Eigenkapital?
"(FT, 18.4:)A drastic contraction of European bank balance sheets during the next 18 months could jeopardise financial stability and economic growth in Europe and beyond, according to forecasts from the International Monetary Fund.
In its Global Financial Stability Report, published on Wednesday, the fund warned that European banks looked set to shrink their balance sheets by $2.6tn (€2tn) over that period.
....
The fund notes that the degree of deleveraging predicted by the GFSR assessment is “much larger” than that implied by plans submitted to the European Banking Authority as part of the regulator’s efforts to ensure all major European lenders’ high-quality capital buffers amount to at least 9 per cent of assets by the middle of this year."
Ihre Vorstellungen von "ungenutzem Eigenkapital" sind laienhaft.
Dass Eigenkapital wird bei Banken 20-fach bis 50-fach genutzt. Und das muß jetzt eben weniger werden, weshalb deleveraging angesagt ist.
Theoretisch ginge auch mehr Eigenkapital - bloß ist das eben schwer aufzutreiben.
Denn gebranntes Kapital scheut das Feuer.

(...)
+++ Beitrag von der Redaktion gelöscht +++
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'Euro-Payer' sagt
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@Rechner sagt
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....da die unzureichende Eigenkapitalausstattung der Geschäftsbanken als ein Hauptgrund für die Finanzkrise identifiziert wurde.
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Das ist nicht richtig. Die Finanzkrise hat 2 völlig verschiedene Bestandteile und Ursache: Die Bankenkrise ausgelöst durch die Subprime-Kreditvergabe und die Staatsschuldenkrise ausgelöst von einer Überschuldung der Staaten. Es war nicht eine zu niedrige EK-Ausstattung der Banken! Mehr EK hilft lediglich die Folgen einer Krise besser bewältigen zu können.
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Die "Krise" und "die Folgen der Krise" sind hier doch wohl ein und dasselbe.
Hätten die Banken ausreichend Eigenkapital gehabt um die Subprimeverluste auffangen zu können wäre es doch überhaupt nicht erforderlich gewesen sie vom Staat retten zu lassen.
Daß ein paar Kapitalanleger ihr Kapital ganz oder teilweise verlieren ist doch keine systemische Krise.
Die entsteht erst durch die extreme Hebelung des Eigenkapitals, die zu einem lawinenartigen Bonitätsverlust führt, selbst wenn regulatorisch offene Pleiten vermieden werden.
Mutatis mutandis das gleiche bei den Auswirkungen des Bonitätsverlusts von Südstaaten auf die Bonität ihrer Kreditgeber und derer Kreditgeber etcpp ad infinitum.
...
Versuchen Sie nicht sich 'rauszureden - Sophismen verfangen bei mir nicht ;)
35 Kommentare
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