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Analyse: Deutschlands gestörtes Gleichgewicht

Exportweltmeister Deutschland leidet besonders stark unter der weltweiten Wirtschaftskrise. Einst waren steigende Ausfuhren der Erfolgsgarant für die gesamte Wirtschaft des Landes. In Anbetracht der derzeitigen Umstände stellt sich jedoch mehr denn je die Frage, ob diese Strategie noch zeitgemäß ist. Eine Diagnose mit Therapievorschlag.

Der Exportweltmeister Deutschland wackelt und droht von seinem Thron zu stürzen. Quelle: Caepsele
Der Exportweltmeister Deutschland wackelt und droht von seinem Thron zu stürzen. Quelle: Caepsele


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DÜSSELDORF. Tiefgreifende ökonomische Krisen bringen oft auch einen Paradigmenwechsel im wirtschaftlichen Denken. Das ist diesmal nicht anders. An die Stelle der jahrelang vorherrschenden Maxime möglichst deregulierter Märkte tritt eine Renaissance des Staates, der Banken und Konzerne mit milliardenschweren Garantien und Kapitalspritzen retten muss. Damit nicht genug.

Auch der Eckpfeiler der westdeutschen Wiederaufbaustrategie gerät in die Kritik: die starke Exportlastigkeit. Denn zurzeit stellt Deutschland fest, dass die Rolle des Exportweltmeisters in der Krise zu einem besonders tiefen wirtschaftlichen Einbruch führt. Ist also aus dem früheren Erfolgsgaranten das falsche „Geschäftsmodell“ geworden?



Am Anfang des deutschen Exportwunders stand im September 1949 die Abwertung der D-Mark gegenüber dem Dollar um 20 Prozent. In der Folge stieg die deutsche Ausfuhr allein zwischen dem letzten Quartal 1949 und dem zweiten Quartal 1950 um fast die Hälfte. Damit war, schon vor Beginn des Korea-Booms, der endgültige Übergang zu einem langanhaltenden Exportboom geschafft. „In den 1950er- und 1960er-Jahren bei festen Wechselkursen im Bretton-Woods-System machte die Exportorientierung der westdeutschen Wirtschaft Sinn“, urteilt der Berliner Wirtschaftshistoriker Carl-Ludwig Holtfrerich. Der Exportboom bei tendenziell niedrig bewerteter D-Mark ermöglichte hohe Produktivitätsgewinne, deutliche Lohnzuwächse und damit Kaufkraftsteigerungen im Inland.

Und heute? Bei der Einführung des Euros im Jahr 1999 war die D-Mark ziemlich hoch bewertet – „Abwertungen“ gegenüber anderen Euro-Ländern aber kamen nicht mehr infrage. Gegen die „Aufwertung“ arbeitete Deutschland jahrelang mit niedrigen Tarifabschlüssen und einer insgesamt konservativen Finanzpolitik. Da die Bundesrepublik unter einer hohen (Sockel-)Arbeitslosigkeit litt und die Wachstumsraten weit weniger als in anderen Ländern durch private oder öffentliche Verschuldung hochgetrieben wurden, spielte die frappierende Exportstärke Deutschlands in der Öffentlichkeit lange Zeit fast keine Rolle. Stattdessen erschien bis zum Ausbruch der Finanzkrise ein Buch nach dem anderen mit teutonischen Untergangsszenarien – frei nach dem Motto: „Wirtschaftswunderland abgebrannt“. Gleichzeitig drückte Deutschland die europäischen Partner – und Kunden – mit seiner Wettbewerbsstärke immer mehr an die Wand. Doch die einseitige Wahrnehmung ließ eine breitere Debatte über das deutsche „Geschäftsmodell“ nicht zu.

Das ändert sich allmählich. „Es ist kein wirtschaftspolitisches Ruhmesblatt, sich durch größere Lohnzurückhaltung im Inland als im Ausland einen internationalen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen“, bringt Holtfrerich einen zentralen Aspekt der deutschen Malaise auf den Punkt. Inzwischen üben selbst konservative Ökonomen wie Ifo-Chef Hans-Werner Sinn deutlichere Kritik am deutschen „Geschäftsmodell“. Früher war diese Kritik eine Domäne „linker“ Ökonomen wie etwa des Bremer Wissenschaftlers Rudolf Hickel.

Heute gilt in Fachkreisen der Hinweis nicht mehr als ketzerisch: Die deutschen Handelsüberschüsse seit der Jahrtausendwende waren ein Transfer von volkswirtschaftlichen Ressourcen an das Ausland, die im Inland gefehlt haben – für Investitionen, Wirtschaftswachstum, Arbeitsplätze, höhere Reallöhne und besseren Lebensstandard. Deutschland könnte zwar ruhig Weltmeister beim Warenexport bleiben – es müsste sich gleichzeitig aber mehr für Importe aus anderen europäischen Ländern öffnen. Dann stünden beispielsweise schwächere Euro-Länder, die Deutschland mit seinen Exportüberschüssen in die außenwirtschaftliche Verschuldung treibt, finanzwirtschaftlich nicht länger mit dem Rücken zur Wand. Stattdessen könnten die schwächeren Länder gegenüber der Bundesrepublik eine exportorientierte Strategie betreiben. So würde Deutschland seiner wirtschaftlichen Führungsrolle in Europa wohl eher gerecht als bisher. Denn eigentlich kann niemand erwarten, dass europäische Länder weitere Defizite auftürmen, damit Deutschland weiter seine Überschüsse loswird.

Damit liegt auch der zweite zentrale Aspekt der deutschen Malaise auf der Hand. Die Exportorientierung als Lohnhöhenparameter hat zu einer Vernachlässigung der Binnennachfrage geführt. Hinzu kommt eine eklatante Investitionsschwäche.

Seit dem Jahr 2002 gingen die staatlichen und privaten Investitionen drastisch zurück. Was die Nettoinvestitionsquote betrifft, befindet sich Deutschland in der Europa-Liga mittlerweile auf einem Abstiegsplatz. „Die Politiker haben in den letzten Jahren völlig aus den Augen verloren, dass mehr Investitionen auch mehr Wachstum bringen“, kritisiert Wirtschaftshistoriker Holtfrerich.

Therapie für Deutschland: Ausgewogene Kost statt Askese

Aus der Diagnose der deutschen Krankheit, der zu hohen Abhängigkeit von Exporten, ergibt sich zwangsläufig die gebotene Therapie. Das Problem ist nur: Sie birgt erhebliche Risiken und Nebenwirkungen. Es kann daher nicht um eine Rosskur gehen, sondern eher um eine maßvolle Korrektur von Ungleichgewichten.

Die deutschen Exporte zu behindern – auf diese verrückte Idee kommt niemand. Außerdem sind sie infolge der Krise ja ohnehin schon eingebrochen. Es kann jetzt nur darum gehen, die Importe anzukurbeln, damit vor allem die Partnerländer in der Euro-Zone eine Chance haben, unsere Exporte auf Dauer wieder zu bezahlen.

Der erste Therapievorschlag wäre also, die Kaufkraft zu stärken. Hier ist es nicht schwer, Befürworter zu finden: Die Gewerkschaften vertreten seit Jahrzehnten die „Kaufkrafttheorie“. Sie besagt, dass höhere Löhne die Kaufkraft und damit die gesamte Wirtschaft stärken. In den letzten Jahren standen die Gewerkschaften mit dieser Theorie relativ alleine da. Die Mehrheit der Ökonomen hielt ihnen vor, dass in einer offenen Wirtschaft wie der deutschen die Kaufkraft verpufft. Bezieht man die europäischen Partnerländer mit in die Betrachtung ein, zieht das Kaufkraftargument aber wieder mehr.

Der zweite Therapievorschlag lautet, die heimischen Investitionen zu stärken. Der Wirtschaftshistoriker Carl-Ludwig Holtfrerich weist darauf hin, dass sie in den letzten Jahren so niedrig lagen wie noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik. Er schlägt daher vor, „die Abschreibungsbedingungen für Investitionen zu verbessern“ und dafür notfalls auch einen höheren Spitzensteuersatz in Kauf zu nehmen – auch das wäre eine Umkehrung der Politik, die wir in den letzten Jahren hatten. Sein Argument: Bei einem hohen Steuersatz und guten Abschreibungsbedingungen lohnen sich Investitionen steuerlich besonders. Außerdem warnt er davor, aus Gründen der Haushaltskonsolidierung die staatlichen Investitionen zu weit herunterzufahren – netto gerechnet (abzüglich Abschreibungen) lagen sie in den letzten Jahren sogar im Minusbereich. Und zu investieren gäbe es ja genug – von maroden Kanalisationssystemen bis zu heruntergekommenen Schulen.

Jede derartige Therapie birgt freilich erhebliche Risiken: Höhere Löhne und höhere Staatsausgaben sind zunächst einmal sehr teuer. Das größte Risiko ist womöglich, dass man die Krankheit der Vergangenheit bekämpft und nicht die der Zukunft. Denn tatsächlich sind die deutschen Exporte ja schon eingebrochen, andere Länder wachen auf und werden ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken. Die deutschen Importe sind bisher trotz Krise recht stabil geblieben, weil die deutschen Sozialsysteme und die Bemühungen, Arbeitsplätze zu erhalten, die Konsumenten bei Laune halten. Hinzu kommt, dass Deutschland eine erhebliche Verschuldung zulässt, wenn auch unterhalb des europäischen Durchschnitts. Zum Teil hat die Krise selbst also genau die Effekte ausgelöst, die die Therapievorschläge erzielen wollen. Aber die aktuelle Krise und der Blick in die Geschichte lehren: Ein Gleichgewicht, das immer wieder neu austariert werden muss, ist das richtige Ziel, nicht die einseitige Fixierung auf Exportstärke.

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