HB WASHINGTON/BERLIN. Dank staatlicher Hilfe hat der US-Arbeitsmarkt im Mai so viele Stellen geschaffen wie seit zehn Jahren nicht mehr. Die Zahl der Beschäftigten stieg um 431 000, wie das Arbeitsministerium am Freitag in Washington mitteilte. Vater Staat hat beim Jobaufbau allerdings kräftig nachgeholfen: Allein für eine Volkszählung wurden 411 000 Amerikaner angeworben - zumeist Zeitarbeiter. Beim zweiten Blick auf die Statistik kehrt daher Ernüchterung ein. Im Privatsektor erlahmte die Bereitschaft zum Jobaufbau spürbar, da viele Unternehmen eher auf Überstunden denn auf neue Mitarbeiter setzen.
So wurden im Mai nur noch 41 000 neue Stellen im außerstaatlichen Bereich geschaffen. Dieses Schneckentempo beim Jobaufbau reicht bei weitem nicht aus, um das Millionenheer von Arbeitslosen schnell wieder in Lohn und Brot zu bringen: „Somit unterstreichen die heutigen Zahlen zwar, dass der Arbeitsmarkt sich weiter erholt. Sie zeigen aber auch, dass es noch lange Zeit braucht, bis die Beschäftigungsverluste aufgeholt sind“, meint US-Experte Bernd Weidensteiner von der Commerzbank.
So wurde die Entwicklung auch an den Börsen bewertet: „Das zeigt, dass die Wirtschaft viel schwächer ist, als die meisten Leute gedacht haben“, sagte Gary Shilling, Präsident einer Anlageforschungsfirma in Springfield. Die US-Börsen gaben ab und lagen bis zum Nachmittag mit mehr als 1,5 Prozent im Minus.
US-Präsident Barack Obama sieht die Entwicklung dennoch auf dem erwünschten Weg. „Die Zahlen sagen, dass wir uns in die richtige Richtung bewegen“, betonte er vor etwa 50 Arbeitern einer großen Lastwagen-Werkstätte in Maryland. „Es wird noch einige Auf und Abs geben.“
Viele Ökonomen hatten wegen der massiven staatlichen Anwerbeaktion für die alle zehn Jahre fällige Volkszählung mit einem weit höheren Plus von 513 000 neuen Beschäftigten gerechnet. Die schwache Entwicklung gebe „der US-Notenbank Fed ein weiteres Argument an die Hand, dieses Jahr nicht mehr die Zinsen zu erhöhen“, sagte Ökonom Tom Sowanick von der Omnivest Group. Wegen der Konjunkturbelebung war zuletzt der Ruf nach einer baldigen Straffung der Nullzinspolitik laut geworden, der jedoch wohl vorerst kein Gehör bei Fed-Präsident Ben Bernanke und Co. finden wird. Der Notenbankchef hatte sich erst kürzlich besorgt über die Lage am Jobmarkt geäußert. Die Arbeitslosenquote ist nun zwar auf 9,7 von 9,9 Prozent gesunken. Fachleute gehen jedoch davon aus, dass die Rate in naher Zukunft nicht nachhaltig sinken wird.
Mit dem Stellenzuwachs wachsen dennoch die Chancen, dass sich die weltgrößte Volkswirtschaft weiter von der schwersten Rezession seit den 30er Jahren erholt. Die Wirtschaft ist bereits drei Quartale in Folge auf Wachstumskurs. Die Krise hat jedoch Mio. Amerikaner den Job gekostet. Das hat den privaten Konsum gedrückt, der rund 70 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung ausmacht. Besonders der Servicesektor bekommt diese Zurückhaltung zu spüren. Er baute im Mai nur noch 37 000 neue Stellen auf, im April waren es noch 156 000. In der Güterwirtschaft wurden allerdings nur 4000 neue Jobs geschaffen (April: 62 000). Am Bau gingen 35 000 Arbeitsplätze verloren. Im April kamen hier noch 14 000 Jobs dazu.