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Appell an die EZB: IWF-Vize Lipton fürchtet Stagnation in Europa

exklusivDavid Lipton, Vize-Chef des IWF, empfiehlt der EZB weitere Konjunkturmaßnahmen. Vor den Folgen weiterer Sanktionen gegen Russland warnt er hingegen - und deutet ein Umdenken des IWF in Verteilungsfragen an.

David Lipton spricht über Europa: Der erste Stellvertreter von IWF-Chefin Christine Lagarde hat auch Empfehlungen für Deutschland parat. Quelle: AFP
David Lipton spricht über Europa: Der erste Stellvertreter von IWF-Chefin Christine Lagarde hat auch Empfehlungen für Deutschland parat. Quelle: AFP

WashingtonDer Vize-Chef des Weltwährungsfonds, David Lipton, fürchtet trotz ermutigender Konjunktursignale eine Stagnation in Europa. Um diese abzuwenden, müsse die Europäische Zentralbank noch mehr Geld in die Märkte pumpen.

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„Die Lehre lautet: nicht selbstgefällig sein, nicht zögern“, sagte Lipton im Interview mit dem Handelsblatt. Das Risiko einer Immobilienblase in Deutschland hält der erste Stellvertreter von IWF-Chefin Christine Lagarde für überschaubar. Der Bundesregierung empfiehlt er, Investitionsbedingungen zu verbessern, um den gewaltigen Außenhandelsüberschuss zu reduzieren.

So stehen die Euro-Krisenländer da

  • Frankreich

    Lage: Mit 0,3 Prozent wuchs die nach Deutschland zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone im vierten Quartal 2013 etwas schneller als erwartet. Sie befreite sich damit aus der Stagnation. Dennoch reichte es im Gesamtjahr 2013 nur zu einem Plus von 0,3 Prozent.
    Aussichten: Für 2014 rechnet die Notenbank mit einem Wachstum von 0,9 Prozent. Frankreich leidet unter einer hohen Arbeitslosigkeit. "Steigende Arbeitslosigkeit und Steuererhöhungen wirken sich negativ auf die Einkommen aus", befürchtet deshalb die EU-Kommission. Das bremse den Konsum.

  • Italien

    Lage: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte von Oktober bis Dezember 2013 um 0,1 Prozent zu. Das war das erste Wachstum seit Mitte 2011. Dennoch schrumpfte das BIP im Gesamtjahr 2013 um 1,9 Prozent.

    Aussichten: Zwei Rezessionsjahren folgt eine kraftlose Erholung. 2014 wird von der EU-Kommission ein Wachstum von 0,7 Prozent erwartet, 2015 von 1,2 Prozent. Steigende Exporte dürften die Unternehmen zu mehr Investitionen ermutigen. Die Arbeitslosenquote soll 2014 noch einmal leicht steigen, was den Konsum dämpft.


  • Spanien

    Lage: Der Notenbank zufolge ist das Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal 2013 um 0,3 Prozent gewachsen. Trotzdem dürfte die Wirtschaft 2013 das zweite Jahr in Folge geschrumpft sein - voraussichtlich um 1,2 Prozent.

    Aussichten: 2014 soll es ein mageres Wachstum von 0,5 Prozent geben, erwartet die EU-Kommission. Das Plus soll sich 2015 auf 1,7 Prozent erhöhen. Sowohl Unternehmen als auch Verbraucher dürften durch den Umbau des Bankensektors nach wie vor schwer an Kredite kommen. Die Exporte sollen dagegen gut laufen und stetig zulegen.

  • Griechenland

    Lage: Im Vergleich zum Vorjahresquartal ging es Ende 2013 noch einmal um 2,6 Prozent nach unten. Immerhin: Zu Jahresbeginn war die Wirtschaftsleistung noch um mehr als das Doppelte eingebrochen.

    Aussichten: Das BIP soll 2014 erstmals seit sechs Jahren wieder wachsen, wenn auch nur um 0,6 Prozent. "2015 dürfte die Erholung an Kraft gewinnen, wenn die Investitionen zum Motor der Belebung werden", erwartet die EU-Kommission. Schwachpunkt bleibt die Rekordarbeitslosigkeit von aktuell 28 Prozent, die den Konsum bremst.


  • Portugal

    Lage: Das Wachstum beschleunigt sich im vierten Quartal auf 0,5 Prozent. Dadurch schrumpfte die Wirtschaft 2013 nur noch um 1,4 Prozent, nach 3,2 Prozent 2012.

    Aussichten: 2014 soll nach drei Minus-Jahren wieder ein Plus folgen. Dann dürfte ein Wachstum von 0,8 Prozent herausspringen, das sich 2015 auf 1,8 Prozent erhöhen soll, erwartet die Regierung. Wachstumstreiber sind vor allem die Exporte, aber auch die Binnennachfrage soll 2014 wieder anziehen.

  • Zypern

    Lage: Um voraussichtlich 5,5 Prozent ist die Wirtschaftsleistung 2013 eingebrochen. Ursprünglich war sogar ein Minus von 8,7 Prozent erwartet worden, doch lief der private Konsum besser als angenommen.

    Aussichten: 2014 wird ein weiteres Minus von 3,9 Prozent erwartet. "Die zyprische Volkswirtschaft sieht sich starkem Gegenwind ausgesetzt", so die EU-Kommission. Sowohl Konsum als auch Exporte dürften sinken. Erst 2015 wird mit einem Wachstum gerechnet, das aber mit 1,1 Prozent dünn ausfallen soll. Die Arbeitslosenquote dürfte 2014 auf 19,2 Prozent hochschnellen.

Lipton warnt zudem vor den Folgen weiterer Sanktionen gegen Russland. Gleichzeitig aber übt er scharfe Kritik an der Politik des Kremls und ruft die Ukraine auf, sich von Moskau loszusagen: „Dies der Moment, um zu erkennen, dass die Abhängigkeit von Russland die Ukraine verkümmern ließ. Dies der Moment, um sich von den Subventionen zu befreien, die zu dieser Abhängigkeit führten.“

Der IWF will der neuen Regierung in Kiew mit einem Milliardenprogramm zur Seite stehen. Im Gegenzug erwartet der Fonds Reformen, insbesondere den Abbau von Energiesubventionen. Lipton, der nach dem Fall des Eisernen Vorgangs die „Schock-Therapie“ mitentwickelt hat, um die Marktwirtschaft in Osteuropa einzuführen, spricht sich nun für ein „moderates Sanierungstempo“ aus. Die Bevölkerung dürfe nicht überfordert werden.

Für den IWF, dem oft soziale Kälte vorgeworfen wird, spielen Verteilungsfragen eine immer größere Rolle. Die wachsende Ungleichheit, die in vielen Ländern zu beobachten ist, beschreibt Lipton als ernstes Problem. „Ökonomen haben in den vergangenen Jahrzehnten argumentiert, dass Umverteilung das Wachstum schwächt“, erläutert er. „Wir behaupten in einer neuen Studie: Es ist die Ungleichheit, die das Wachstum bremst.“

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