
TALLINN. Einst waren sie beim Wachstum die Spitzenreiter in der Europäischen Union - nun kämpfen die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen gegen den größten wirtschaftlichen Absturz aller Gemeinschaftsmitglieder. In Lettland musste der Internationale Währungsfonds (IWF) zusammen mit der EU bereits Ende vergangenen Jahres eingreifen und das kleine Land mit 7,5 Mrd. Euro vor der Zahlungsunfähigkeit retten.
Litauen, das größte der baltischen Länder, sollte nach Ansicht von Experten der Rating-Agentur Moody´s und der Investmentbank Morgan Stanley ebenfalls schnellstens den Weg zum IWF suchen, um Überbrückungskredite zu beantragen. Denn eine Erholung der Wirtschaft ist nicht vor 2011 zu erwarten, wie der Chefvolkswirt der SEB in Lettland, Martins Kazaks, dem Handelsblatt sagte. Doch noch wehrt sich das Land mit Premier Andrius Kubilius an der Spitze mit aller Kraft gegen diesen Schritt - und das, obwohl selbst der litauische Zentralbankchef Gitanas Nauseda den Gang zum IWF empfohlen hat. Die baltischen Staaten haben seit ihrer Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991 ein beispielloses Wachstum hingelegt. Niedrige Löhne lockten zunächst auch ausländische Investoren an. Doch mit dem schnellen Aufstieg und teilweise zweistelligen Wachstumsraten kam auch ein enormer Nachholbedarf: Die Menschen konsumierten, was das Zeug hielt - und das zumeist auf Pump. Das Problem zeigte sich bereits vor Ausbruch der globalen Krise. Die Löhne schossen in Estland und Lettland um bis zu 30 Prozent nach oben, die Hauspreise explodierten. Die vornehmlich schwedischen Banken vergaben großzügig Kredite - und das zu 80 Prozent in Fremdwährungen.
Im Gegensatz zu anderen osteuropäischen Ländern sind die baltischen Währungen jedoch an den Euro gebunden, sodass eine unfreiwillige Abwertung nicht möglich ist. Die hohe Zahl von Fremdwährungskrediten ist auch der Grund für die massive Weigerung der Länder, die Währungen abzuwerten. Geschieht das, würde das Schulden-Kartenhaus noch stärker zusammenbrechen, da viele Kreditnehmer ihre Raten nicht mehr zurückzahlen könnten. Andererseits warnen Ökonomen davor, dass durch das fehlende Abwertungsmittel diesen Ländern jetzt der Handlungsspielraum genommen wird. Doch davon wollen die Regierungen in Tallinn, Riga und Vilnius nichts wissen; sie versuchen mit drastischen Mitteln Herr der fast aussichtslosen Lage zu werden.
In Lettland, wo bereits eine Regierung Opfer der Finanzkrise wurde, kürzte das neue Kabinett von Premier Valdis Dombrovskis die Löhne der öffentlich Bediensteten um 20 Prozent. Eine weitere Kürzung der Lehrergehälter wird diskutiert. Damit trifft die Krise vor allem Berufsgruppen, die schon zuvor nicht zu den Gewinnern des Booms gezählt haben. Diese Woche wollen die Lehrer, die nur durchschnittlich rund 300 Euro im Monat verdienen, protestieren.
Wie in Riga versuchen auch die Regierungen in Estland und Litauen mit drastischen Ausgabenkürzungen die Krise in den Griff zu bekommen. Die Regierung in Vilnius plant, die öffentlichen Ausgaben von April an um 870 Mio. Euro zu kürzen. Der Rotstift soll dann erneut im Juni angesetzt werden. "Unser Ziel ist es, das Haushaltsdefizit bei etwa drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu halten", sagte Premier Kubilius. Das Festhalten an einem relativ geringen Haushaltsdefizit hat einen Grund: Litauen will wie auch Lettland und Litauen den Euro so schnell wie möglich einführen. Das geht aber nur, wenn die Konvergenzkriterien, zu denen ein gedeckeltes Haushaltsdefizit gehört, erfüllt sind.
Sorgen bereiten allen Regierungen die Auswirkungen der Krise auf kleine und mittlere Unternehmen. Die Banken haben den Kredithahn nahezu zugedreht, den Firmen fehlt Geld. Estlands Wirtschaftsminister Juhan Parts sagte, die größte Herausforderung für sei die Bereitstellung von Krediten. Seine Regierung hat in den vergangenen Wochen an nahezu sämtlichen Kostenschrauben gedreht - sogar die Straßenbeleuchtung in der Hauptstadt Tallinn erlischt nun schon zu nachtschlafender Zeit: um 03.27 Uhr.