Regel Nummer eins bei der Bewertung dieser Wachstumszahlen lautet: Es wäre ein Fehler einen Zeitraum von nur drei Monaten überzubewerten. Es gibt daher keinen Grund, euphorisch zu werden. Wirtschaftliche Kennzahlen zu erstellen, das ist ohnehin ein Geschäft, das mit vielen Ungenauigkeiten verbunden und fehleranfällig ist. Daher kommt es im Nachhinein immer wieder zu einer Revision der Zahlen.
Regel Nummer zwei lautet: einfache Erklärungen sind die besten. Der Abschwung der deutschen Wirtschaft fiel 2008/09 im Vergleich zu den übrigen G8-Ländern besonders hart aus. Zudem war der Hauptgrund der Krise, dass die Nachfrage im verarbeitenden Gewerbe gesunken ist. Daher ist es keine große Überraschung, dass auch der Aufschwung in Deutschland entsprechend kräftig ausfällt. Denn er geht eindeutig mit großem Zuwachs der Exporte nach China und in andere Wachstumsländer daher. Sobald genauere Zahlen vorliegen, wird man wahrscheinlich auch sehen, dass die Nachfrage der Konsumenten gestiegen ist.
Das liegt aber nicht daran, dass die Zahl der Arbeitsplätze oder die Einkommen gestiegen wären. Die Sparquote ist zurückgegangen. In der Krise hatten sich die Deutschen entschieden, noch mehr zu sparen als die es ohnehin tun - aus der Angst heraus, dass die Dinge noch schlimmer werden könnten. Jetzt, da die Wirtschaft sich erholt und die Aussichten nicht mehr gar so düster sind, ist es nur logisch, wenn die Deutschen zu ihrer alten Mischung aus Sparen und Ausgeben zurückkommen. Wenn die Sparquote also sinkt, ist es keine Überraschung, wenn die Binnennachfrage zumindest kurzfristig schneller steigt als das Einkommen. So eine Zunahme der Nachfrage ist in Ländern wie Großbritannien und Amerika nicht möglich, wo die Sparquote auf ein ultra-niedriges Niveau gefallen ist und die Haushalte hoch verschuldet sind.
Wie wird es weitergehen? Das weiß keiner. Die Exporte werden wahrscheinlich wieder etwas zurückgehen, wenn sich in Ländern wie China das Wachstum beruhigt, weil sich die Regierungen stärker darauf konzentrieren, die Inflation zu bekämpfen. Auch der Euro-Wechselkurs wird wohl wieder nachgeben, der sich seit Mai gegenüber dem Dollar erholen konnte. Abgesehen davon hängt viel davon ab, mit welcher Zuversicht Privathaushalte und Unternehmen in die Zukunft schauen und wie sich die Verschuldung der Staaten entwickelt. Das gilt für alle europäischen Länder, nicht nur für Deutschland.