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BIP schrumpft um 0,6 Prozent: Europas Rezession holt deutsche Wirtschaft ein

Das deutsche Bruttoinlandsprodukt ist im Schlussquartal 2012 um 0,6 Prozent gegenüber den drei Vormonaten gesunken. Für den Einbruch – der viel stärker als erwartet ausfiel – sorgten vor allem sinkende Exporte.

Der Arbeitsmarkt stagniert auf einem hohen Niveau. Quelle: dpa
Der Arbeitsmarkt stagniert auf einem hohen Niveau. Quelle: dpa

WiesbadenDer deutschen Wirtschaft ist zum Jahresende die Puste ausgegangen: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte im Schlussquartal 2012 preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal und damit noch stärker als zunächst erwartet. Das teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden mit. „Einen stärkeren Rückgang gab es zuletzt Anfang 2009 mit 4,1 Prozent“, sagte ein Statistiker. Damit konnte sich die bis dahin robuste deutsche Konjunktur nicht länger von der Rezession im Euroraum und dem weltweiten Konjunkturabschwung ankoppeln. Im Vergleich zum vierten Quartal 2011 stieg das preisbereinigte BIP leicht um 0,1 Prozent.

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Für den Einbruch sorgten vor allem sinkende Exporte. Außerdem investierten die Unternehmen „deutlich weniger“ in Maschinen, Fahrzeuge und andere Ausrüstungen. Auch die Bauausgaben schrumpften, wenn auch nur geringfügig. „Das konnte durch steigende Konsumausgaben nicht ausgeglichen werden“, sagte der Statistiker.

Ökonomen zum deutschen BIP-Einbruch

  • Jörg Krämer (Commerzbank-Chefvolkswirt)

    „Das war ein schlechtes viertes Quartal. Das lag daran, dass die Unternehmen wegen der Staatschuldenkrise verunsichert waren und deshalb weniger investierten. Es lag aber auch an der schwachen Weltkonjunktur, die die deutschen Exporte ausgebremst hat. Aber: Diese beiden Belastungsfaktoren sind mittlerweile in den Hintergrund getreten. Die Schuldenkrise ist deutlich abgeebbt, die Weltkonjunktur hat nach oben gedreht. Deshalb weißen alle wichtigen deutschen Frühindikatoren nach oben. Ich erwarte bereits im ersten Quartal wieder ein merkliches Wirtschaftwachstum.“

  • Andreas Rees (Deutschland-Chefvolkswirt Unicredit)

    „Das ist eine vorübergehende Schwächephase der deutschen Wirtschaft und nicht der Beginn eine langen Flaute oder gar einer Rezession. Die schwächelnde Weltwirtschaft hat sich am Jahresende bemerkbar gemacht. Darunter leiden auch andere große Volkswirtschaften wie die USA, Japan und Frankreich.

    Der Ausblick ist vielversprechend. Die Chancen, dass das Wachstum schon zu Jahresbeginn zurückkehrt, stehen sehr gut. Die Frühindikatoren zeigen alle nach oben. Die Frage ist eher, wie stark das erste Quartal wird. Wir erwarten ein Plus von 0,3 Prozent, es könnte aber auch mehr werden. Frühjahr und Sommer plus 0,5 Prozent. Die Unternehmen dürften dann wieder mehr investieren, nachdem sie sich über ein Jahr lang wegen der Schuldenkrise zurückhalten haben. Der Investitionsstau beginnt sich aufzulösen.“

  • Christian Schulz (Berenberg-Bank)

    „Die Firmen haben sich mit ihren Erweiterungs- und Ersatzinvestitionen vor allem zu Anfang des Quartals zurückgehalten. Auch die privaten Haushalte waren vorsichtig. Das ist ein schwacher Startpunkt für das Jahr 2013. Wir erwarten, dass die Wirtschaft sich sehr schnell erholt. Alles deutet darauf hin, dass sie bereits wieder wächst. Der Tiefpunkt war wahrscheinlich schon im Oktober. Es wird noch bisschen dauern, die Delle aufzuholen. Aber wir erwarten eine Erholung in der V-Form: schwaches 4. Quartal, starkes 1. Quartal.

    Der Vergleich mit Frankreich ist typisch. Wenn es in der Euro-Zone gut geht, ist Deutschland meist besser als Frankreich, wenn es in der Euro-Zone schlechter geht, läuft es bei Frankreichs Wirtschaft besser als bei der deutschen. Deutschland ist hier zyklischer.“

In den ersten drei Quartalen 2012 war die deutsche Wirtschaft jeweils gewachsen, die Dynamik ließ jedoch stetig nach: Nach plus 0,5 Prozent zum Auftakt ging das BIP-Wachstum zum Vorquartal zunächst auf 0,3 Prozent und im dritten Quartal auf 0,2 Prozent zurück. Für das gesamte Jahr 2012 bestätigten die Statistiker einen Anstieg von 0,7 Prozent. Wichtigster Wachstumsmotor war auch 2012 – trotz der Schwäche im Schlussquartal – der Export. Aber auch vom inländischen Konsum kamen positive Impulse.

Allerdings dürfte das Konjunkturtal inzwischen schon wieder durchschritten sein. „Im ersten Quartal 2013 dürfte die deutsche Wirtschaft wieder merklich wachsen“, prognostizierte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer am Donnerstag. Auch das Bundeswirtschaftsministerium gab sich Anfang der Woche in seinem monatlichen Bericht zur wirtschaftlichen Lage zuversichtlich: „Die Perspektiven hellen sich allmählich auf. Die Frühindikatoren deuten auf ein absehbares Ende der aktuellen Schwächephase hin.“ Dennoch reduzierte die Regierung ihre Prognose für das laufende Jahr von 1,0 auf 0,4 Prozent.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet, dass die Konjunktur schon im ersten Quartal 2012 wieder ordentlich Fahrt aufnimmt. DIW-Deutschlandexperte Simon Junker sagte am Donnerstag: „Die Industrie hat das Tief durchschritten und ist gut in das Jahr gestartet.“ Die Exporte hätten sich stabilisiert, die Auftragseingänge - sogar die aus dem krisengeschüttelten Euroraum - seien wieder gestiegen. Die positiven Impulse aus dem Ausland dürften Unternehmen bald veranlassen, wieder in Ausrüstungen zu investieren.

Jahreswirtschaftsbericht 2013 Regierung erwartet moderates Plus

Die Bundesregierung rechnet auch in diesem Jahr mit einem stabilen Arbeitsmarkt.

Frankreich als Nummer zwei der Euro-Zone schlug sich diesmal besser, wenn auch nicht gut: Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte mit 0,3 Prozent nur halb so stark. Im dritten Quartal war das BIP noch um 0,1 Prozent gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahr sank die Wirtschaftsleistung ebenfalls um 0,3 Prozent.

„Der Vergleich mit Frankreich ist typisch. Wenn es in der Euro-Zone gut geht, ist Deutschland meist besser als Frankreich, wenn es in der Euro-Zone schlechter geht, läuft es bei Frankreichs Wirtschaft besser als bei der deutschen. Deutschland ist hier zyklischer“, sagt Christian Schulz, Ökonom von der Berenberg-Bank, in einer ersten Einschätzung.

Europa-Konjunktur

Italiens Wirtschaft kann sich derzeit nicht aus der Rezession befreien und ist Ende 2012 noch stärker geschrumpft als befürchtet. Das Bruttoinlandsprodukt sank zwischen Oktober und Dezember um 0,9 Prozent, wie das nationale Statistikamt am Donnerstag mitteilte.

Ende des Monats stehen die Parlamentswahlen in Italien an. Die Wirtschaftskrise dürfte die Chancen von Regierungschef Mario Monti weiter eintrüben. Zuletzt hatte das Mitte-Rechts-Bündnis des früheren Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi aufgeholt und an den Finanzmärkten die Sorge ausgelöst, eine künftige Regierung könnte die Reformen schleifen lassen.

  • 14.02.2013, 11:56 UhrRelax

    Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • 14.02.2013, 11:53 UhrRechner

    'tobi59' sagt
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    @Nordmann,
    ich freue mich auch schon auf die günstigen nicht deklarierten genveränderten Zutaten in unseren Speisen.
    -----------------

    Ich gehe mal davon aus, daß Ihre Vorfreude unberechtigt ist.

    Natürlich wird an der Deklarationspflicht für Gentechnik bei Produkten die in der EU verkauft werden nicht gerüttelt.

    Da werden sich die Amis dran gewöhnen müssen, oder sie können sich ihre Freihandelszone in die Haare schmieren.

    ...

    Sollte ihr Kommentar so zu verstehen sein daß das Verbot von Frankensteinfoods in Europa Vertretern der amerikanischen Giftmüllindustrie ein Dorn im Auge ist und sie unter Garantie versuchen werden den Verbraucherschutz in Europa auszuhebeln, dann haben Sie natürlich recht.

    Genau deshalb wird es wohl noch sehr lange dauern, bis diese Freihandelszone Wirklichkeit wird - wemm überhaupt jemals.

    +++

    Europa mit seinem Leistungsbilanzüberschuß braucht diese Freihandelszone nicht.

    Die USA mit ihrem chronischen Leistungsbilanzdefizit sind in der Rolle des Bittstellers, und werden sich den europäischen Vorstellungen anzupassen haben.

  • 14.02.2013, 11:40 UhrRechner

    'Ghost' phantasiert
    ---------------------
    Ja dem kann ich mich nur anschließen der Dollar wertet immer weiter ab und er Euro wird immer teurer.
    Wer kann sich da noch deutsche Produkte leisten?
    ---------------------

    Der Euro steht bei 1,33.

    Da stand er auch 2005, 2007, 2008, 2009, 2010 und 2011, ohne daß es der Nachfrage nach deutschen Waren geschadet hätte.

    Im Gegenteil - angesichts des Leistungsbilanzüberschußes der Eurozone von 73 Milliarden im dritten Quartal 2012 ist der Euro unterbewertet und sollte steigen.

    Und zwar über 1,50.

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