_

Chef der britischen Finanzaufsicht: Lord Turner brüskiert Regierung bei Finanzsteuer

exklusiv Deutschland und Frankreich fordern die Finanztransaktionssteuer schon lange. In Großbritannien hat sie dagegen bisher nur einen prominenten Befürworter. Dessen Wort hat allerdings Gewicht: Lord Adair Turner, Chef der mächtigen britischen Finanzaufsicht FSA, plädiert für die Abgabe – und widerspricht damit der Regierung in London.

Der britische Finanzaufseher Lord Adair Turner befürwortet eine Steuer auf spekulative Geschäfte. Quelle: ap
Der britische Finanzaufseher Lord Adair Turner befürwortet eine Steuer auf spekulative Geschäfte. Quelle: ap

BRÜSSEL. „Wir müssen uns ernsthaft mit der Finanztransaktionssteuer beschäftigen“, sagte Turner im Gespräch mit dem Handelsblatt. Die Abgabe könne durchaus „einige positive Effekte“ haben.

Anzeige

Turner geht damit auf Distanz zu seiner eigenen Regierung, die eine Besteuerung von Finanzgeschäften kategorisch ablehnt. Deutschland und Frankreich lassen dennoch nicht locker. Beim informellen EU-Finanzministerrat (Ecofin) Ende der Woche wollen die beiden großen EU-Länder erneut versuchen, die Finanztransaktionssteuer durchzusetzen. Entschiedenen Widerstand dagegen leistet neben dem britischen Schatzkanzler George Osborne auch der schwedische Finanzminister Anders Borg. Bedenken äußerte auch EU-Steuerkommissar Algirdas Semeta.

In dem Konflikt schlägt sich der britische Chefaufseher auf die deutsch-französische Seite. Er betonte, dass der Finanzsektor keine Mehrwertsteuer entrichten muss und daher „steuerlich nicht so stark belastet wird wie andere Wirtschaftssektoren“. Für die Zukunft müssten die Europäer aber „ein faires Steuersystem schaffen“. Deshalb müsse man auch darüber nachdenken, Finanzmarktgeschäfte zu besteuern.

Die Abgabe solle insbesondere jene Aktivitäten an den Finanzmärkten treffen, „die über das gesellschaftlich optimale Niveau hinaus aufgebläht wurden“. Eine Steuer auf diese spekulativen Geschäfte „würde nicht schaden und hätte vielleicht sogar positive Auswirkungen“, so Turner.

Er erinnerte daran, dass viele Länder bereits heute eine Stempelgebühr auf den Aktienhandel erheben. „Diese Abgabe ist aber eher ineffizient, denn sie wird durch den elektronischen Handel und den Derivate-Handel untergraben“, sagte Turner. Natürlich sei die Gefahr groß, dass die Finanztransaktionssteuer gleich welcher Art mit neuen Handelsmethoden oder neuen Finanzprodukten umgangen wird. Experten könnten aber Wege finden, um die Steuervermeidung in vertretbaren Grenzen zu halten.

  • Video

Politik Bundestag stärkt Organspende

Krankenversichterte ab 16 Jahren werden in Zukunft häufiger gefragt, ob sie Organspender werden wollen. Dieses Gesetz hat der Bundestag mit großer Mehrheit verabschiedet - und noch einige weitere Entscheidungen gefällt.

  • Die aktuellen Top-Themen
Kontrolle weiter abgelehnt: Iran plant Bau eines neuen Atomkraftwerks

Iran plant Bau eines neuen Atomkraftwerks

Der Iran bleibt beim Atomprogramm stur: Kontrolleuren wird nach wie vor der Zugang zu den Anlagen verweigert - gleichzeitig kündigte die Regierung nun den Bau eines neuen Kernkraftwerks an. Streit ist vorprogrammiert.

Wird Strom teurer?: Koalition sorgt sich um Kosten der Energiewende

Koalition sorgt sich um Kosten der Energiewende

Der neue Bundesumweltminister Peter Altmaier will mehr Tempo bei der Energiewende. Es ist eine Herkulesaufgabe. Nun drohen auch noch die Kosten auszuufern. Ein Zurück zur Atomkraft soll es aber nicht geben.

Über 90 Tote: Entsetzen über Massaker in Syrien

Entsetzen über Massaker in Syrien

Bei einem Massaker sind in Syrien mehr als 90 Zivilisten ums Leben gekommen, darunter auch viele Kinder. Die entsetzte internationale Gemeinschaft fordert erneut ein Ende der Gewalt - doch das Blutvergießen geht weiter.

Global Reporting Krieg gegen Krankenhäuser

An einem Sonntagmorgen im Sommer 2011 wollte der 21-jährige Syrer Khaled al-Hamedh Medikamente für seinen kleinen Bruder besorgen. Khaled machte sich auf den Weg zu einem Krankenhaus in seiner Heimatstadt Hama. Die Apotheken in Hama waren... Von Jan Dirk Herbermann. Mehr…

Handelsblog Feuert die Dicke Bertha in die falsche Richtung?

Ein Kernproblem im Euro-Raum ist, dass es in den Krisenstaaten einen gefährlichen Link gibt zwischen dem Bankensystem und den Staatsfinanzen dieser Länder. Geldinstitute in Griechenland, Spanien, Irland und anderen Ländern stehen mit dem... Von Olaf Storbeck. Mehr…

  • Konjunkturtermine
Konjunkturtermine: Wochenvorschau

Wochenvorschau

Die wichtigsten Ereignisse und Indikatoren in Europa und International