
PEKING. Der Kapitalbedarf der chinesischen Institute steigt: Allein die vier größten börsennotierten Banken benötigten gut 50 Mrd. Euro frisches Kapital, schätzt Yang Kaisheng, Chef der Industrial & Commercial Bank of China (ICBC). Weil die Kreditvergabe derzeit so rasant wachse, müssen die Banken handeln, um ihre Eigenmittel entsprechend aufzustocken.
Finanzpolitiker in Peking versuchen derweil durch immer neue Erlasse, den Kreditfluss zu dämmen. Die Bankaufsicht befahl den Banken gestern den Rückzug aus Geschäftsbereichen, in denen sie kein Geld verdienen. Die Banken müssten statt dessen ihre Risikovorsorge ausbauen, sagte Jiang Dingzhi, Vizechef der Behörde.
Die Volksrepublik war in den vergangenen zwei Jahren ihren eigenen Weg zur Bekämpfung der Krise gegangen. Nur ein Viertel der Konjunkturprogramme finanzierte sie aus Töpfen der Zentralregierung. Den Großteil der Nachfrage schuf sie, indem sie ihre Macht über die Banken nutzte. Die teilstaatlichen Institute erhielten Weisung, ihren Kunden üppige Kredite zu gewähren.
Dass die Risikomanager dabei nicht mehr so genau auf Bonität des Schuldners und den Sinn seines Vorhabens achteten, liegt nahe. Das Angebot kam jedenfalls enorm gut an. Fast zehn Bill. Euro an neuen Darlehen vergaben die Banken allein im Jahr 2009.
Doch die Geister, die die Regierung rief, wird sie nun nicht wieder los. Trotz offizieller Warnungen vor einer Überhitzung flossen im ersten Quartal des laufenden Jahres erneut 280 Mrd. Euro an neuen Krediten - dabei liegt das Gesamtziel für das ganze Jahr 2010 nur bei 800 Mrd. Vor allem fernab von Peking stießen Lokalgrößen unbeirrt neue Bauprojekte an. "Sowohl die Zentral- als auch die Lokalregierungen finanzieren Schulden außerhalb der offiziellen Bilanzen", warnt Ökonom Victor Shih von der Northwestern University im amerikanischen Evanston aus Besuch in China. "Es könnte gut nötig sein, dass die chinesische Regierung den Banken erneut mit hohen Summen zur Hilfe eilen muss."
Die Lokalregierungen handeln mit ihren Neubauprojekten in einer Grauzone. Nationale Gesetze verbieten es den Gemeinden eigentlich, Kredite aufzunehmen. Doch das lässt sich leicht umgehen. Die Provinzen und Städte gründen einfach Investmentgesellschaften. Diese können sich wegen ihres formalen Status als Unternehmen Geld leihen.
Ein zweiter Trick funktioniert so: Die Kredite gibt es besonders billig, weil sie mit Gemeindeland besichert sind. In der Volksrepublik befand sich ursprünglich alles Land in der Hand des Staates. Auch nach vielen Privatisierungsrunden ist davon noch eine Menge übrig.
Peking sieht diese Schieberei gar nicht mehr gerne. Um die Krise zu meistern und Jobs zu schaffen, war die Party des leichten Geldes zwar recht. Doch die Regierung hatte Amerika gerade noch als leichtfertigen Verursacher der Subprime-Krise angeprangert. Nun wäre es peinlich, jetzt selbst eine gefährlich Kreditblase entstehen zu lassen. Seit vergangenem Herbst kommen daher fast täglich neue Anweisungen, die das Anschwellen der Blase aufhalten sollen - ohne sie gleich mit einem lauten Knall platzen zu lassen.