
FRANKFURT. Trotz jahrelanger Proteste aus den USA und Europa halten einige wichtige Schwellenländer vor allem in Asien ihre Wechselkurse gegenüber dem Dollar weiterhin niedrig. Als Folge davon sammeln sie immer höhere Devisenreserven. Die Länder, so die Begründung von Ökonomen, seien mit dieser Strategie sehr gut gefahren. Einige bezweifeln, dass die USA ihre Kritik ernst meinen und dass es im Interesse Europas wäre, wenn die Reserveakkumulation aufhörte.
China – das Land, das 30 Prozent der weltweiten Devisenreserven hält – hat diese Reserven in den zwölf Monaten bis Ende September um knapp 20 Prozent auf astronomische 2 237 Mrd. Dollar aufgestockt. Auch die japanischen Reserven sind um vier Prozent auf über 1 000 Mrd. Dollar angestiegen. Die indischen Reserven stiegen um zehn Prozent auf 262 Mrd., die taiwanesischen um ein Viertel auf 347 Mrd Dollar, die Reserven Südkoreas um ein Drittel auf 270 Mrd. Dollar. Außerhalb Asiens hat Brasilien, das auch einen Zustrom von Auslandskapital erlebt, seine Reserven um 15 Prozent auf 238 Mrd. Dollar aufgestockt.
Schwellenländer haben aus Asienkrise gelernt
Der renommierte US-Ökonom und ehemalige Präsidentenberater Martin Feldstein betont, dass Währungsreserven heute eine ganz andere Rolle spielen als noch zu Zeiten des Festkurssystems von Bretton Woods. Damals ging es darum, vorübergehende Defizite im Außenhandel abdecken zu können. Die heutige Reserveakkumulation der Schwellenländer lasse sich jedoch nur verstehen, wenn man die Asienkrise von 1997/98 ins Bild nehme und die Lehren, die die Schwellenländer daraus gezogen haben. Damals mussten die asiatischen und später weitere Schwellenländer erfahren, wie verwundbar sie gegenüber Attacken von Währungsspekulanten waren, selbst bei fundamentalgerechtfertigten Wechselkursen.
Daraus zogen sie Feldstein zufolge zwei Lehren: „Es ist gefährlich zu versuchen, einen zu hohen Wechselkurs zu verteidigen, und, selbst wenn der Wechselkurs nicht zu hoch ist, kann sich ein Land einer spekulativen Attacke gegenübersehen, wenn es nicht sehr große Devisenreserven hat.“
Deshalb verfolgen die meisten Schwellenländer nun die Strategie, ihre Währungen möglichst niedrig zu halten, Handelsbilanzüberschüsse zu erzielen und Devisenreserven anzuhäufen. Damit machen sie sich widerstandsfähig gegen das Hin und Her von massiven Kapitalzuflüssen aus den Industrieländern und Abflüssen, wie sie in den letzten Jahrzehnten immer wieder auftraten.
Diese Strategie hat sich in der derzeitigen Finanzkrise als äußerst erfolgreich erwiesen. Die Weltrezession ging zwar nicht spurlos an den Schwellenländern vorbei – die meisten wurden aber nicht in größerem Ausmaß direkt von den Problemen im Finanzsektor und den Kapitalbewegungen getroffen. Obwohl die chinesischen Exporte eingebrochen sind, konnte es sich das Land leisten, ein massives Konjunkturprogramm aufzulegen. Weil wegen des niedrigen Wechselkurses und der dauerhaften Aufwertungserwartung weiter Kapital ins Land strömt, musste die Regierung dafür nicht einmal die bestehenden Reserven antasten. Daneben bieten die riesigen Reserven dem Land die Möglichkeit, durch Aufkauf von Unternehmen, Minen und Land überall auf der Welt dauerhaft die Rohstoffversorgung zu sichern.
USA klagen über Chinas Wechselkurspolitik
Die USA beklagen sich jedoch darüber, dass China seinen Wechselkurs künstlich zu niedrig halte und nur deshalb seine hohen Handelsbilanzüberschüsse mit den USA erziele. Deshalb drängen Regierungsvertreter aus Washington in Peking immer wieder öffentlichkeitswirksam darauf, dass China eine Aufwertung des Yuan zulässt. „Das ist heuchlerisch“, meint Patrick Artus, Chefvolkswirt der französischen Natixis. Immerhin legt China die Reserven, die es akkumuliert, überwiegend in US-Wertpapieren an. Das bedeutet einen massiven Zustrom von Kapital in den amerikanischen Anleihemarkt, der dort die Zinsen niedrig hält. Und: Niedrige Zinsen sind für die US-Wirtschaft wegen des hohen Verschuldungsgrads von Unternehmen und Haushalten sehr wichtig.
Auch Europa kann eigentlich kein Interesse an einem Ende der Reserveakkumulation in den Schwellenländern haben – jedenfalls nicht, so lange die USA ihre Wirtschaftspolitik nicht ändern. Die Schwellenländer halten ihre Währung nämlich dadurch niedrig, dass sie Dollar aufkaufen. Das stützt den Wechselkurs des Dollar. Würden sie diese Stützungskäufe einstellen, würde der Dollar möglicherweise noch stärker gegenüber den europäischen und anderen Währungen abwerten als ohnehin schon. Deshalb nennt Artus die europäischen Protestnoten an China „naiv“.
Nur wenn die USA ihre extreme Niedrigzinspolitik und ihr Modell des Wachstums auf Pump aufgeben, kann es im Interesse Europas sein, dass die Schwellenländer aufhören, Dollar-Reserven anzusammeln. Das hieße aber für die USA, dass sie eine längere Periode schwachen Wachstums hinnehmen müssten. Das ist allerdings kaum zu erwarten.
Die Dummen bei den vorherrschenden Handelsverzerrungen sind in erster Linie die Chinesen selbst. Sie arbeiten wie die Ameisen für absurde Mengen von Dollars, mit denen sie sich sowohl kurz- als auch langfristig praktisch nichts kaufen können, weil es Märkte für solche Summen einfach nicht gibt. Jeden Monat kommen 50 Milliarden dazu, wo soll das enden? irgendwann einmal in ferner Zukunft, wenn ihre Dollars wertlos geworden sind, werden die Chinesen erkennen, dass sie umsonst gearbeitet haben.
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