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Essay: Bescheidene Banker

Die Finanzkrise wütet bereits seit fast anderthalb Jahren, mittlerweile ist es die schwerste Bankenkrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Finanzwelt der Zukunft wird sich einschränken müssen. Sie kann mit mehr Sicherheit kalkulieren, muss aber mit weniger Zuwachs rechnen.

"Zutiefst verstört": Alan Greenspan, der Säulenheilige der freien Märkte. Foto: ap Quelle: ap
"Zutiefst verstört": Alan Greenspan, der Säulenheilige der freien Märkte. Foto: ap Quelle: ap

LONDON. Fast hätte man Mitleid mit ihm haben können: Alan Greenspan sah ein bisschen verzweifelt aus, als er Mitte Oktober dem amerikanischen Kongress Rede und Antwort stehen musste. "Hat Ihre Ideologie Sie zu Entscheidungen gebracht, die Sie heute bedauern", wollte der republikanische Abgeordnete Henry Waxman vom Ex-Chef der US-Notenbank wissen. "Ja, ich habe einen Riss entdeckt, ich weiß nicht, wie tief oder wie dauerhaft er ist, aber ich bin zutiefst verstört."

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Es sind nur wenige Worte, aber Greenspans Antwort ist die Kapitulationserklärung des vielleicht prominentesten Verfechters des Finanzkapitalismus angelsächsischer Prägung. Der Säulenheilige der freien Märkte gibt zu, dass er falsch lag, dass sein Vertrauen in die Selbstkontrolle der Finanzbranche zu weit ging. Jetzt sehen all jene ihre Stunde gekommen, die schon immer gewusst haben, dass man die Banker an die Kette legen muss, weil sonst ihre Gier die Welt ins Unglück stürzt.

Fast anderthalb Jahre wütet die Finanzkrise jetzt. Von einem Schwelbrand am US-Immobilienmarkt hat sie sich zu einem Feuersturm entwickelt. Inzwischen haben wir es mit der schwersten Bankenkrise seit dem Zweiten Weltkrieg zu tun, mit fatalen Folgen für die Realwirtschaft. Weil die Banken nicht mehr das tun, wofür sie eigentlich da sind, nämlich Geld verleihen und Kapital effizient in der Volkswirtschaft verteilen, droht die Welt in eine Rezession abzugleiten. In einigen großen Industriestaaten wie den USA oder Großbritannien lässt sich auch eine lähmende Deflation nicht mehr ausschließen.

Am Ausmaß der Krise gibt es keinen Zweifel mehr, auch nicht an der Entschlossenheit der Politiker, dagegenzuhalten und dafür zu sorgen, dass es nie wieder so weit kommt. Allmählich lässt sich absehen, wie die Finanzwelt aussehen wird, wenn sich der Rauch einmal verzogen hat. Sie wird ein sicherer Platz sein, aber Sicherheit hat ihren Preis, und dieser Preis besteht in dauerhaft und global niedrigeren Wachstumschancen. Dessen müssen sich alle bewusst sein, die jetzt Bankern und Händlern enge Fesseln anlegen wollen.

Lange Jahre schwammen die Märkte im Geld, historisch niedrige Zinsen, die Sparleidenschaft der Emerging Markets und die Ölmilliarden der Golfstaaten sorgten für eine historisch beispiellose Liquiditätswelle. Die Erfindungskraft der Finanzingenieure, die sich immer komplexere Wertpapiere ausdachten, ließ die Welle weiter anschwellen.

Tatsächlich ist die Finanzindustrie nicht gewachsen, sondern gewuchert und hat nach Meinung des Finanziers George Soros im Vergleich zur Gesamtwirtschaft eine völlig überproportionale Größe erreicht. In den 60er-Jahren machten die Gewinne des Finanzsektors in den Industriestaaten etwa zehn Prozent der gesamten Unternehmensprofite aus. 45 Jahre später lag diese Rate in den USA und in Großbritannien bereits bei 35 Prozent. Soros spricht von einer Superblase. Aus dieser Blase entweicht jetzt die Luft. Daran führt kein Weg vorbei, nur so lässt sich die marode Finanzwelt sanieren. Aber die Regulierer sollten sich der Kosten der neuen Sicherheit bewusst sein. Denn von der Freiheit der Geldbranche haben nicht nur die Banker, sondern wir alle profitiert.

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