
FRANKFURT. Deutschlands Topmanager haben die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Rezession so gut wie aufgegeben. In einer exklusiven Umfrage des Handelsblatts sagte mehr als die Hälfte aller befragten Führungskräfte: "Unsere Geschäfte verschlechtern sich weiterhin." Geteilt wird dieser Pessimismus auch von führenden Volkswirten. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) rechnet gar mit einem Einsturz der Wirtschaftsleistung um 3,7 Prozent im Jahr 2009.
Gerade in entscheidenden Gruppen der Wirtschaft ist die Skepsis besonders stark ausgeprägt, zeigt der Handelsblatt Business-Monitor, für den das Marktforschungsinstitut Psephos im Auftrag des Handelsblatts und der Unternehmensberatung Droege & Comp. knapp 800 Führungskräfte befragt hat: Unter den Großunternehmen mit mehr als 5 000 Beschäftigten erwarten mit 68 Prozent noch weitaus mehr schlechtere Geschäfte als bei den kleineren und mittleren. Auch im verarbeitenden Gewerbe und unter den Maschinenbauern, die als Taktgeber der deutschen Wirtschaft gelten, halten weit mehr Manager als im Durchschnitt die Talsohle für noch nicht erreicht.
Wie schlecht die größte Volkswirtschaft der Euro-Zone sich zuletzt entwickelt hat, zeigten diese Woche einmal mehr zahlreiche Daten der Industrie: Die Auftragseingänge sind im Januar das zwölfte Mal in 13 Monaten rapide gesunken. Auch das produzierende Gewerbe hat sich im Januar nochmals verschlechtert - um 7,5 Prozent und damit "außerordentlich kräftig", meldete das Bundeswirtschaftsministerium gestern.
Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) schraubte daher nicht nur seine Prognose für das laufende Jahr um einen vollen Prozentpunkt nach unten - auch im kommenden Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt seiner Einschätzung nach sinken: um 0,1 Prozent. Bislang erwartete es ein Wachstum von 0,3 Prozent. "Die Weltkonjunktur ist zum Ende des vergangenen Jahres deutlich stärker eingebrochen als von uns erwartet", räumen die Forscher des IfW ein. Die Rezession in Deutschland werde daher erheblich tiefer sein als noch im Dezember angenommen. Mit einer Stabilisierung rechnet das IfW erst ab Frühjahr 2010.
Der Handelsblatt Business-Monitor unterstreicht dies: Etwa ein Drittel der Befragten rechnet "nicht vor 2010" mit anziehenden Geschäften. "Noch später" erwarten sogar weitere neun Prozent eine Besserung. Dass ihre Geschäfte bereits im kommenden Quartal anziehen werden, halten nur elf Prozent für möglich.
Besonders unzufrieden sind die Führungskräfte mit dem Auslandsgeschäft: 60 Prozent aller im Export tätigen Unternehmen bezeichnen die eigenen Geschäfte als schlecht. Das Fatale: 53 Prozent rechnen in den kommenden zwölf Monaten mit einer weiteren Verschlechterung oder einem Fortdauern der Probleme. Im Inland ist die Situation immerhin etwas besser: Hier bezeichnen vier von zehn Unternehmen den aktuellen Geschäftsverlauf als ungünstig. Und mit 49 Prozent ist der Anteil der Optimisten, die eine Aufhellung oder eine unverändert günstige Geschäftslage erwarten, zumindest geringfügig größer als der Anteil der Pessimisten mit 46 Prozent.
Instrumente wie Arbeitszeitkonten, Kurzarbeit oder reduzierte Reisekosten- oder IT-Budgets reichen knapp 60 Prozent aller Führungskräfte dennoch aus, um die Folgen der Flaute abzufedern. 50 Prozent mussten diese Standardinstrumente nach eigenen Angaben bisher noch nicht ausschöpfen. Jedes fünfte Unternehmen plant allerdings, weitere Maßnahmen zu ergreifen. Vor allem mit Entlassungen, betriebsbedingten Kündigungen oder sogar Standortschließungen will rund die Hälfte die Probleme abfedern.
Wie drastisch die Krise auf den Arbeitsmarkt durchschlagen könnte, zeigt die Prognose der Kieler Volkswirte: Der kräftige Beschäftigungsaufbau der vergangenen Jahre werde "fast vollständig aufgezehrt", schreiben sie. Bis 2010 werde sich die Zahl der Erwerbstätigen um 1,3 Millionen auf 39 Millionen reduzieren. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit werde sich nicht einmal Ende 2010 wesentlich abschwächen.
Ähnlich düster sieht es in den Nachbarländern aus: EU-weit wird die Zahl der Arbeitslosen 2009 um 4,5 Millionen zunehmen, sagten die europäischen Arbeitgeberverbände gestern voraus. Die EU-Kommission geht bisher noch von einer Zunahme der Arbeitslosenzahl um 3,5 Millionen aus.
Mitarbeit: Eric Bonse, Brüssel
Triste Welt
Die Weltwirtschaft befindet sich derzeit "auf einer konjunkturellen Talfahrt von historischer Dimension", schreibt das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). Die Rezession habe inzwischen alle Regionen erfasst. Die Forscher erwarten daher, dass die Weltwirtschaft erstmals seit den 30er-Jahren im ersten Quartal schrumpfen wird.
Trübes Europa
Der Einbruch des Welthandels hat Folgen: 2009 sinkt das Bruttoinlandsprodukt laut IfW im Euro-Raum um 3,3 Prozent, 2010 stagniere die Wirtschaft. Die EZB rechnet 2010 mit einer "allmählichen" Erholung.