EZB räumt Defizite ihrer Strategie ein: Die Tücken der Mengenlehre

EZB räumt Defizite ihrer Strategie ein
Die Tücken der Mengenlehre

Der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Jürgen Stark, trägt schwer am Erbe der Bundesbank – das zu wahren und zu schützen er sich vorgenommen hat. „Zwei-Säulen-Strategie“ heißt das sperrige Erbe.

FRANKFURT. Mit dieser weltweit einzigartigen Kombination aus Elementen der geldmengenorientierten Politik, wie sie die Bundesbank früher so erfolgreich betrieben hat, und der heute üblichen direkten Steuerung der Inflation gerät Stark innerhalb und außerhalb der EZB zunehmend in die Defensive. Alle anderen Zentralbanken haben sich von der Idee der Geldmengenorientierung verabschiedet. Die US-Notenbank hat jüngst sogar aufgehört, die Daten zur Geldmenge M3, die der EZB so wichtig ist, zu erheben. Die Meinungsführer in der Wissenschaft sind fast einhellig der Ansicht, dieser monetäre Teil der EZB-Strategie habe sich überlebt. In einem Telefoninterview mit dem Handelsblatt räumt Stark nun erstmals öffentlich im Namen der Notenbank gravierende Probleme mit zentralen Teilen des monetären Strategieteils ein.

Interview: EZB-Chefvolkswirt räumt Strategieproblem ein

Die monetäre Säule, erfunden von Starks Vorgänger Otmar Issing, wurde von der EZB zu Anfang mit dem „Referenzwert für das Wachstum der Geldmenge M3“ gleichgesetzt. Der Wert soll angeben, bis zu welcher Höhe Geldmengenwachstum unbedenklich ist und ab wann es inflatorisch wirkt.

Heute betont Stark, dass der Vergleich von Geldmenge und Referenzwert bei weitem nicht mehr das einzige Element der monetären Analyse in der EZB darstelle. Welche Rolle der Referenzwert selbst heute noch spielt, sagt Stark dann aber wieder offiziell: "Die Zwei-Säulen Strategie dient der EZB in hervorragender Weise und hat sich keineswegs verändert. Die breite und tiefe monetäre Analyse im Rahmen der Strategie der EZB umfasst auch den M3 Referenzwert als mittel- bis langfristige Meßlatte für die Analyse monetärer Entwicklungen."

Eine systematische Auswertung der EZB-Kommunikation zeigt allerdings: Seit über zwei Jahren, seit Oktober 2004, wurde der Referenzwert im EZB-Monatsbericht nicht mehr erwähnt, klammert man Glossar, Fußnoten und Grafiken aus. In die „Einleitenden Bemerkungen“ mit denen der EZB-Präsident das Ergebnis der Beratungen des EZB-Rats zusammenfasst, fand der Referenzwert zum letzten Mal im Mai 2003 Eingang. Was früher einmal die erste Strategiesäule war, wurde also still beerdigt.

Der Grund: „Eine Bedingung für die Festlegung eines Referenzwertes für das M3-Wachstum ist die langfristige Stabilität der Geldnachfrage“, ist in vielen Monatsberichten der EZB zu lesen. Doch daran hapert es bereits seit gut sechs Jahren, so lange, dass es nicht mehr ignoriert werden kann. Obwohl die Geldmenge seit 2001 mit viel höheren Raten zugenommen hat, als gemäß Referenzwert mit stabilen Preisen zu vereinbaren ist, lief die Inflation nicht aus dem Ruder. Offiziell hat der EZB-Rat die Stabilitätsbedingung im Oktober 2004 ein letztes Mal überprüft. Er kam dabei vielsagend zu dem Schluss, dass man eine Instabilität der Geldnachfrage noch nicht schlüssig beweisen könne. Seither schweigt er sich sowohl über die Stabilität der Geldnachfrage als auch über den Referenzwert selbst aus.

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