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Finanzkrise: Wie das Rettersyndrom die Politik infiziert hat

Der neue Typus des Politikers will nur eines: Retten – komme was wolle. Dabei hindern ihn weder wachsende Staatsschulden noch ökonomische Logik. Jedenfalls nicht bis zu dem Tag, an dem die nächste Krise an die Türe klopft.

Angela Merkel im Bundestag: Auch die Bundeskanzlerin rettet wo sie kann. Quelle: dpa
Angela Merkel im Bundestag: Auch die Bundeskanzlerin rettet wo sie kann. Quelle: dpa

Die wahrscheinlich einzig richtige Entscheidung seit Beginn der Finanzkrise war die, die gemeinhin als die falsche gilt: die Pleite des Bankhauses Lehman Brothers am 15. September 2008 nicht verhindert zu haben.

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Es war das letzte Mal, dass ein Krisenverursacher zur Rechenschaft gezogen wurde. Seither ist eine neue Form staatlicher Marktwirtschaft entstanden, in der das Verursacherprinzip für das Geldgewerbe nicht mehr gilt. Nie zuvor in der modernen Wirtschaftsgeschichte besaß die Finanzindustrie derartig ungehinderten Zugriff auf das Geld der Steuerzahler.

Allein in Deutschland wurden für Zahlungen, Bürgschaften und Ausfallgarantien an den Finanzsektor bis heute 545 Milliarden Euro bereitgestellt. Das entspricht der Summe aller privaten Ersparnisse seit Kriegsende.

Ein neuer Politikertypus tritt uns seither entgegen, der vom medizinisch noch gar nicht erforschten Rettersyndrom befallen scheint. Er will retten, auf Teufel komm raus: die Banken, den Euro, die Griechen und die WestLB. Beim heutigen Europa-Gipfel wird es wieder teuer.

Angela Merkel trat auf dem Höhepunkt der Finanzkrise gar als Retterin aller Sparguthaben auf, was schon deshalb bizarr anmutet, weil die Spareinlagen der Deutschen mit nichts anderem gerettet werden können als mit dem Geld der Sparer selbst.

Doch die ökonomische Logik konnte den Siegeszug des Rettungspolitikers bisher nicht aufhalten. Er beruft sich sogar darauf, dass die alte Logik nicht mehr gilt. Jetzt nicht! Vielleicht später wieder.

Dieser Politikertypus hat sich die Notenbanker untertan gemacht. Seit dem Beginn der Finanzkrise wurde der US-Leitzins zehnmal gesenkt. Jetzt liegt er nahe null. Das Bankgewerbe schwimmt in Geld, an den Finanzmärkten ist seit Anfang 2009 der Teufel los: Zucker plus 180 Prozent, Kupfer plus 225 Prozent, Autoaktien plus 70 Prozent.

Wer wie Bundesbankchef Axel Weber darauf hinweist, dass diese wundersame Geldvermehrung eine Scheinwelt schafft, wirkt altmodisch. So ändern sich die Zeiten: Wer früher als Anwalt der Stabilität auftrat, empfahl sich für Höheres. Wer heute für Seriosität wirbt, gilt als Querulant.

Seit geraumer Zeit kauft die US-Notenbank ihre eigenen Staatsanleihen, weil kein Chinese sie mehr erwerben mag. Seit gestern hält die Federal Reserve Bank mehr US-Staatsanleihen als jede andere Notenbank. Man kann das Liquiditätssteuerung nennen, wie es Notenbank-Chef Bernanke tut. Ehrlicher wäre es, wir würden es Wahnsinn nennen. Amerika druckt sich Geld.

Es ist nicht richtig zu sagen, es habe sich mit der Finanzkrise nichts geändert. Es hat. Vor der Finanzkrise war die Unvernunft in den privaten Geldhäusern zu Hause, die Kredite an Menschen vergaben, die nicht kreditwürdig waren. Seither ist die Unvernunft verstaatlicht.

Die Spieler an den Weltfinanzmärkten sind dankbar für die wundersame Geldvermehrung. Für sie ist die beste aller Welten entstanden. An den Spieltischen regnet es Jetons.

Weil es in der echten Welt nicht genug Anlagemöglichkeiten gibt, treiben die Marktteilnehmer die Preise nahezu aller Vermögenswerte in die Höhe, derer sie habhaft werden können. Vor allem aber an den Rohstoffmärkten treibt seit Anfang 2009 die Spekulation wilde Blüten: Zink plus 100 Prozent, Blei plus 150 Prozent, und der Rohölpreis stieg um 170 Prozent.

Längst beginnt das virtuelle Spiel mit den Milliarden, das Leben der Gesellschaften zu verändern. Viele einfache Menschen wissen gar nicht, wie ihnen geschieht. In China haben seit Ausbruch der Finanzkrise die Lebensmittelpreise um 30 Prozent zugelegt. Auch in den Lagerräumen der deutschen Großhändler staut sich Inflation auf. Die Großhandelspreise stiegen im Jahr 2010 um knapp sechs Prozent und warten nur darauf, auf die Endverbraucher überwälzt zu werden.

Die Scheinwelt der Finanzindustrie ist nicht in den letzten Jahren entstanden. Aber sie hat sich seither nochmal spürbar ausgeweitet. In den siebziger Jahren war der Wert aller Währungsgeschäfte doppelt so groß wie der Wert des realen Handelsvolumens. Heute übertrifft die Währungsspekulation den Handel um das 20-Fache.

Der Wert aller Zinsderivate betrug 1995 rund 18 Billionen Dollar, heute dagegen sind es 400 Billionen Dollar. Obwohl das globale Weltinlandsprodukt sich in dieser Zeit nur verdoppelt hat, erhöhte sich das ausstehende Volumen der Zinsspekulationen um das 20-Fache. Die täglichen Geschäfte mit Öl-Optionen entsprachen 1990 an den größten Handelsplätzen noch ungefähr dem Wert des tatsächlich produzierten und konsumierten Öls. Heute übersteigt das Spekulationsvolumen den tatsächlichen Wert der Ware um das Zehnfache.

Das Finanzgeschehen habe sich von der Wirklichkeit gelöst, sagt der Börsenaufseher der britischen Regierung, Lord Turner. Es besitze die Kraft, die Werte von Industrien und Völkern zu zerstören. Die Krise, sagt er, sei nicht nur eine Krise einzelner Banken, sondern auch eine Krise des intellektuellen Denkens. Unsere Vorstellung, dass Preise wichtige Informationen transportieren, dass Märkte sich rational verhalten und sich im Falle von Irrationalität selbst korrigieren, all das sei heute infrage gestellt. Nur wer sich diese bitteren Wahrheiten zumute, werde bei der Suche nach Lösungen erfolgreich sein.

Der ursprüngliche Lebensraum des Rettungspolitikers befindet sich in den USA. Hier gab er erst das Geld künftiger Generationen aus, dann die Sparguthaben der Chinesen und Japaner. Im vergangenen Jahr benötigten die USA zur Aufrechterhaltung ihres privaten und staatlichen Konsums rund zwei Drittel aller neuen privaten Ersparnisse weltweit. Weil mittlerweile selbst die von der Verfassung gezogenen Grenzen ausgereizt sind, beantragte die Obama-Regierung, die staatliche Schuldengrenze von derzeit 14,3 Billionen Dollar überschreiten zu dürfen. Mögen Demokraten und Republikaner auch sonst den feindseligen Ton bevorzugen. Wenn es um die Staatsverschuldung geht, gibt es eine große Koalition der Schuldenmacher.

Derweil an den Märkten sich die Liquiditätsmilliarden ergießen, bekämpft die Politik die letzte Krise. Sie will die Banken regulieren. Für die Verursacher der letzten Krise gibt es jetzt – zu Recht – strenge Auflagen für das Eigenkapital. Das in die Bücher zu nehmende Risiko und auch die Finanzprodukte müssen dem Regulierer vorgelegt und von ihm genehmigt werden. Das ist verdienstvoll und zugleich sinnlos, da die Politik sich zwar um die Banken kümmert, aber nicht um jene Geldsammelstellen, die sich Hedge-Fonds oder Private-Equity-Investor nennen.

So ist ein Schattenreich entstanden, in das die Billionen strömen wie das Schmelzwasser in den Rhein. Jede neue Regulierungsvorschrift verstärkt den Druck vom einen in das andere System. Neue systemische Risiken bauen sich auf. Rund 16 Billionen Dollar, sagen die US-Behörden, würden mittlerweile in diesem „Shadow Banking System“ zirkulieren. Zahlen für Europa wurden offiziell bisher nicht vorgelegt.

Josef Ackermann kennt sie trotzdem. Sie reichen aus, ihn zu besorgen. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos mahnte der Chef der Deutschen Bank die Politiker, in ihrem Regulierungseifer die Schattenakteure nicht zu vergessen. Man sieht sie nicht, weil sie keine Hochhaustürme unterhalten und kein Logo besitzen, für dessen Bekanntheitsgrad im Fernsehen geworben wird. Aber man kann sie spüren, zumindest an dem Tag, an dem auch diese Blase platzt.

Ackermann ist kein einsamer Mahner. Im Gegenteil: Es gibt niemanden in der Finanzindustrie, der diese Risiken nicht sieht. So wie es nahezu niemanden gibt, der sie nicht nährt. Denn die regulierten Banken sind über verschlungene Pfade mit den nicht-regulierten verbunden. Wenn die Welt schon zugrunde geht, will man vorher wenigstens noch mitverdient haben. Samir Asaaf, Spitzenmanager der Großbank HSBC Bank in London, spricht von der „Atombombe“, die da gerade gebaut werde. Sie explodiere nicht heute und nicht morgen, sagt er. Was übermorgen ist, sagt er nicht.

Wenn es eine Ähnlichkeit zur vorherigen Finanzkrise gibt, dann ist es die Arglosigkeit der politisch Verantwortlichen. Die Frühwarnsysteme von Bundesbank, Bankenaufsicht und Finanzministerium blieben in der Stunde der Gefahr stumm. Sie werden wieder schweigen. Der Tag, an dem die neue Krise die Welt erschüttern wird, dürfte den Rettungspolitiker hart treffen. Die Krise, die er selbst erzeugt hat, wird ihn überraschen.

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  • 06.02.2011, 18:18 UhrAnonymer Benutzer: Fago

    Glückwunsch Handelblatt!
    Aber den Kern der Problematik dieses Finanzsystems habe ich schon 2006 erkannt, mit dem Unterschied das ich 19 Jahre alt war und von der Materie kaum eine Ahnung hatte.

    Aber immerhin, grossartig das ihr jetzt auch aufwacht.

  • 06.02.2011, 18:18 UhrAnonymer Benutzer: Fago

    Glückwunsch Handelblatt!
    Aber den Kern der Problematik dieses Finanzsystems habe ich schon 2006 erkannt, mit dem Unterschied das ich 19 Jahre alt war und von der Materie kaum eine Ahnung hatte.

    Aber immerhin, grossartig das ihr jetzt auch aufwacht.

  • 05.02.2011, 13:42 UhrAnonymer Benutzer: Helmut Schwartl

    Finanzanarchie..

    ...um diese zu stoppen und am besten zu eliminieren bedarf es einer Revolution von echten Demokraten. Ansonsten drohen auch die (angeblichen) westlichen Demokratien in Anarchie zu versinken.

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