
FRANKFURT/TOKIO. Wenn die Geldpolitik den Zins als Steuerungsinstrument verloren hat, müssen Zentralbanker ihr Handwerk neu lernen. Erfahrungen, die sie in ihrer bisherigen Laufbahn gemacht haben, helfen ihnen hier nicht weiter.
Anders in Japan: Die Zentralbank dieses Landes agiert seit zehn Jahren mit einem Leitzins von null oder nahezu null: Nach dem Platzen einer riesigen Investmentblase Anfang der 90er-Jahre war die erfolgsverwöhnte japanische Wirtschaft in eine tiefe Krise und anschließend sogar in eine Deflation geraten, also eine Situation nachhaltig sinkender Preise.
Japan lieferte damit den Beweis, dass auch moderne Industrieländer in eine Deflationsspirale geraten können. Gleichzeitig bietet das Land den einzigen praktischen Anschauungsunterricht seit der großen Depression, wie mit einer solchen Situation umzugehen ist.
Weitgehend Einigkeit herrscht unter Experten, dass die Bank von Japan den Ernst der Lage viel zu lange verkannte und erst mit Zinssenkungen reagierte, als die Deflation nicht mehr abzuwehren war. Hier haben die meisten Notenbanken dazugelernt. "Im Gegensatz zu Japan hat die US-Notenbank schnell und entschlossen die Zinsen gesenkt", loben die Ökonomen der Deutschen Bank.
Die Bank von Japan wartete damals bis 1996, um den Leitzins auf 0,5 Prozent und später sogar praktisch auf null zu setzen - ein größerer Effekt trat damit nicht mehr ein: Die Konjunktur und die Kreditvergabe der Banken reagierten damals fast gar nicht auf die extrem niedrigen Zinsen.
Für Richard Koo, Chefökonom des Nomura Forschungsinstituts, war eine fehlende Geldnachfrage die Ursache hierfür: "Die Unternehmen waren damit beschäftigt, ihre Bilanzen aufzuräumen, und zahlten nach der japanischen Krise im Schnitt mehr Kredite zurück, als sie neue aufnahmen." Banken und Industrie hätten verschleiert, wie schlimm es um ihre Bilanzen stand, aber hinter den Kulissen bis 2002 Kredite zurückgezahlt, um sich zu stabilisieren. Die derzeitige Lage in den USA und Europa hält Koo mit der damaligen Situation in Japan für vergleichbar.
Die Ökonomen der Deutschen Bank stimmen dieser Sichtweise zu und ziehen als wichtige Lehre aus der großen Depression und der japanischen Erfahrung den Schluss, dass geldpolitische Maßnahmen wenig bringen, solange die Probleme des Bankensektors nicht entschieden angegangen werden.