Handelsblatt Wirtschaftsclub Von Salz- und Brackwasserökonomen

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„Da bin ich dann auch neidisch auf Herrn Sinn“

Ganz grob ließen sich die Ökonomen derzeit in drei Kategorien einteilen, deren Benennung an der geografischen Lage ihrer jeweiligen Kaderschmieden festzumachen sei: einerseits Salzwasser-Ökonomen, also die Keynesianer, deren herausragende assoziierte Lehrstätten MIT, Harvard und Stanford eben an Atlantik und Pazifik lägen; andererseits die Süßwasserökonomen, also die Neoklassiker und vor allem die Chicago Boys mit geografischer Nähe zum Lake Michigan. Und dann noch eine dritte Kategorie, die Rürup kreiert hat und der er sich selbst zurechnet: „Die Brackwasserökonomen, die sagen: Vielleicht ist an beiden was dran?“ Brackwasser, das ist entgegen landläufiger Meinung keine trübe Suppe, sondern eine Mischung aus Salz- und Süßwasser, in der nur einige hochspezialisierte Tier- und Pflanzenarten überleben.

Nun denn, so weit zur theoretischen Grundlage. Der Brackwasserökonom Rürup zeigte sich zwar durchaus stolz, dass er mit seiner letzten Prognose für 2015 und 2016 näher an der Realität lag als die meisten anderen Wirtschaftsforschungsinstitute und diese sich nach und nach in Richtung HRI-Vorhersage hinunterkorrigiert hätten. Aber er gab dann, für manchen der Gäste durchaus erstaunlich, zu, dass auch seinen Prognosen viele Unwägbarkeiten zu Grunde lägen. Wechselkurse und Ölpreise zum Beispiel: „Da sollten sich Ökonomen nie zu Prognosen hinreißen lassen, dass geht immer schief!“ Aber was macht man dann? „Man geht von einer sogenannten naiven Prognose aus, also einfach davon, dass alles so weitergeht wie bisher.“

Im Anschluss an die Vorstellung gab es dann die Chance, dem ehemaligen Chef der Wirtschaftsweisen Fragen zu stellen. Und so unterschiedlich die beruflichen Interessen der Gäste waren – darunter Studenten und Ökonomen, Berater und Juristen, Vertreter aus dem Bankwesen und der Industrie – so breit gefächert war auch die Palette der Themen, zu deren Rürups Meinung gefragt war: Stets fundiert und pointiert äußerte er sich etwa zu den Auswirkungen der Flüchtlingskrise, von Digitalisierung und disruptiven Technologien, zur Arbeitsmarktpolitik und dem zu erwartenden Wahlkampfgeschachere um die schwarze Null , nicht zuletzt ging es auch um sein Lieblingsthema: die private Altersvorsorge.

Ein Besucher meldete sich schließlich ein wenig ungläubig zu Wort, er habe an diesem Abend der vielen Prognosen eine „persönliche Frage“: „Ich habe gerade zehn Mal glauben, und 20 Mal ,ich weiß nicht' von Ihnen gehört. Wie können Sie mit diesem Berufsbild überleben? Ich habe Maschinenbau studiert und weiß, dass man rechnen kann. Aber Sie?“ Handelsblatt-Chefökonom Dirk Heilmann verwies darauf, dass auch die Wirtschaftswissenschaften einige Jahrzehnte lang als exakte Wissenschaft galten. „Das Ende kennen Sie: Es heißt Finanzkrise.“

Und Bert Rürup? Er nahm den Kommentar mit Humor auf: „Ach, wir rechnen auch sehr viel. Und glauben Sie nicht, dass Naturwissenschaftler ohne Annahmen auskommen! Wir können und gern mal über kalten und warmen Maschinenbau unterhalten.“ Um dann, halb im Ernst, hinzuzufügen: „Ich will ehrlich sein und bekenne mich dazu, dass ich bestimmte Dinge nicht weiß. Da bin ich dann auch neidisch auf Herrn Sinn. Nicht nur, weil er ein toller Ökonom ist, sondern weil er immer alles genau weiß.“

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