Interview mit Stefan Kooths: „Müssen aufpassen, dass sich die Wirtschaft nicht überhitzt“

Interview mit Stefan Kooths
„Müssen aufpassen, dass sich die Wirtschaft nicht überhitzt“

Der Wirtschaft geht es gut, sagt der Konjunkturchef des Kieler IfW, Stefan Kooths – vielleicht sogar zu gut. Kann denn eine Ökonomie zu stark expandieren? Ja, meint Kooths – er fürchtet eine Anpassungsrezession.
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Seit einem halben Jahr ist der Ökonomie-Professor Stefan Kooths Konjunkturchef beim altehrwürdigen Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Doch meistens ist der 46-Jährige gar nicht in seinem Kieler Büro zu finden, sondern in der Berliner Dependance des Instituts. Dort ist er näher an der Politik.

Herr Kooths, wie geht es der deutschen Wirtschaft denn so?

Sehr gut, an einigen Stellen vielleicht schon zu gut. Die Industriekapazitäten sind ordentlich ausgelastet, die Bauwirtschaft operiert sogar nahe an der Leistungsgrenze, die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie nie. Diese Entwicklung zeichnete sich schon seit einiger Zeit ab. Mittlerweile prognostizieren viele sogar eine noch stärkere Expansion als wir beim IfW. Aber so oder so gilt: Deutschland muss aufpassen, dass sich die Wirtschaft nicht überhitzt.

Eine Wirtschaft kann sich überhitzen?

Und ob. Wenn die Wirtschaftsleistung deutlich stärker expandiert als die Produktionskapazitäten wachsen, dann passiert genau das – die Auslastung steigt über das Maß hinaus, das sich auf Dauer durchhalten lässt. Eine solche Überhitzung ist gefährlich, weil solche Übertreibungen später durch Rezessionen wieder bereinigt werden müssen. Je ausgeprägter die Überhitzung, desto schmerzhafter die anschließende Krise.

Aber ist mehr Wachstum nicht immer besser als weniger?

Nein. Im Durchschnitt von Boom und Crash stellt sich ein Land meist schlechter, als wenn es zunächst weniger hastig, dafür aber gleichmäßiger wachsen würde. Was uns Sorge macht, sind drohende Fehlinvestitionen: Im Moment sind Finanzierungsmittel so billig wie noch nie – wegen der ultraexpansiven Geldpolitik der Zentralbank.

Was ist die Folge?

Es werden dann auch Investitionen getätigt, die bei einer normalen Geldversorgung niemals in Betracht kämen. Die gesamte Produktionsstruktur stellt sich mehr und mehr auf das Niedrigzinsumfeld ein. Wenn die Zinsen dann irgendwann wieder steigen, wird plötzlich klar, dass manche Projekte systematisch am Bedarf vorbei geplant worden sind und sich daher gar nicht rentieren können. Denken Sie nur an den Bauboom in Spanien!

Aber über Deutschland heißt es doch immer, dort werde viel zu wenig investiert…
Bei der Verkehrsinfrastruktur ist das wohl so. Und dort, wo es die Bürokratie ist, die die Investitionen behindert, sollte man diese Bremsklötze entfernen, und zwar unabhängig vom konjunkturellen Befund. Aber grundsätzlich kommt es mir nach den jüngsten Finanzkrisen bizarr vor, jetzt eine expansive Geld- oder Finanzpolitik zu fordern, um die Investitionstätigkeit anzufeuern. Viele argumentieren dabei mit historischen Vergleichen von Investitionsquoten. Aber das ist angesichts der demografischen Entwicklung sicher nicht sinnvoll.

Wenn eine Überhitzung so gefährlich ist, müsste man die Wirtschaft also künstlich drosseln?
Nicht künstlich. Aber bei der Geldpolitik wäre eine Rückkehr zur Normalität dringend geboten. Wären die Probleme im Euroraum wirklich monetärer Natur, dann wären sie doch von der bisherigen Geldflut der EZB längst weggespült worden. Auf keinen Fall brauchen wir hierzulande weitere Stimuli für die Konjunktur, auch wenn Deutschland von seinen Partnern immer dazu aufgerufen wird. Der Stabilität im Euroraum wäre wenig gedient, wenn zur Strukturkrise in einigen Ländern noch eine konjunkturelle Überhitzung in Deutschland hinzukäme.

Vielen Dank für das Gespräch.

Der Redakteur des Handelsblatts ist Experte für Konjunktur.
Hans Christian Müller-Dröge
Handelsblatt / Redakteur

Kommentare zu " Interview mit Stefan Kooths: „Müssen aufpassen, dass sich die Wirtschaft nicht überhitzt“"

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  • Marc Hofmann
    Sie haben völlig Recht.
    Aber der Umbau unseres Landes zur DDR 2.0 schreitet voran. Das kann man ja schon lange beobachten

  • Wer meint, die Wirtschaft beschränken zu wollen, weil diese "Überhitzen" könnte, der will nur eines...die Kontrolle über unsere freie Marktwirtschaft erlangen. Das sind pure sozialistische Gedanken. Der Markt = wir als Gesellschaft regelen uns selber über Angebot, Nachfrage, Wettbewerb, Gewinn und vorallen der Insolvenz. Die Poltiik oder so schlauer Wissenschaftlicher wollen mit ihren Verordnungen oder Gesezten nur in diese Freiheit des Marktes = Gesellschaft eingreifen zu ihrer eigenen Ideologie-Weltanschauungsbefriedigung.

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