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Joseph Stiglitz: „Die Krise traf die Finanzmärkte nicht schicksalhaft“

Mit dem Ausbruch der Finanzkrise ist auch die Zahl der selbsternannten Wirtschaftsexperten in die Höhe geschossen. Im Chor der Wichtigtuer sind sorgfältige Analysen schwer zu finden. Das neue Buch des Ökonomie-Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz verdient daher besondere Aufmerksamkeit. Es ist eins der klügsten zur Krise.

Nobelpreisträger Stiglitz nennt sich neuerdings selbst "Krisologe". Quelle: ap
Nobelpreisträger Stiglitz nennt sich neuerdings selbst "Krisologe". Quelle: ap

ATLANTA. Er habe die große Krise kommen sehen, sagt er. Gemeinsam mit einem kleinen Kreis erlesener Denker, darunter Nobelpreisträger und "New York Times"-Kolumnist Paul Krugman und Mega-Investor George Soros. Er habe mit Präsidenten, Regierungschefs, Wirtschaftsministern und Bankern gesprochen, aber niemand habe auf ihn hören wollen.

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Jetzt ist die Krise, die in Amerika die "Große Rezession" heißt, fast vorüber, die Weltwirtschaft steht unter kollektivem Schock, da legt Joseph Stiglitz, Professor an der Columbia University in New York, Nobelpreisträger und ehemaliger Chefökonom der Weltbank, sein Buch zur Krise vor. "Freefall", "Im freien Fall", ist in den USA seit Januar auf dem Markt und erscheint am Montag in Deutschland.

"Ich war in tiefer Sorge, dass Amerikas Führung nicht die richtigen Schritte einleiten, nicht die notwendigen Konsequenzen ziehen würde." Deshalb, sagt Stiglitz im Gespräch mit dem Handelsblatt, habe er sein Buch geschrieben. Herausgekommen ist eine Tour de Force durch die Große Rezession - Ursachen, Folgen, Maßnahmen und Lehren. Kein akademisches Werk, sondern ein Essay mit einem Appell für eine verantwortungsvollere Wirtschafts- und Finanzpolitik.

Der Stil ist pointiert, die Sprache griffig, der Ton leidenschaftlich und manchmal auch selbstgerecht, aber immer wieder durchbrochen von Humor und Selbstironie. So schreibt Stiglitz, er sei in den vergangenen Jahrzehnten durch seine Arbeit über Marktversagen zu einer Art "Krisenveteran" geworden, zu einem "Krisologen". Stramme Marktliberale in den USA schimpfen ihn einen "Sozialisten" - wegen seiner Kritik an der enthemmten Globalisierung, an Deregulierung und Marktfundamentalismus.

Stiglitz beschreibt, wie es zur Krise kam: Die Immobilienblase, aufgebläht mit zweitklassigen Hypothekendarlehen, die überhitzten Finanzmärkte, getrieben von der Gier der Spekulanten, all das eingebettet in eine toxische Kreditkultur, die seit Jahrzehnten die Menschen dazu verführte, über ihre Verhältnisse zu leben. Die Krise sei nicht schicksalhaft über Amerika hereingebrochen: "Sie war von Menschen gemacht - sie war etwas, was sich Wall Street selbst und der Gesellschaft antat."

Doch nicht nur mit Wall Street, auch mit der Regierung von Präsident Barack Obama geht der Ökonom, der sich zuvor mit herzhafter Kritik an Obamas Vorgänger George W. Bush hervortat, streng ins Gericht. Statt die tieferen Ursachen der Rezession zu analysieren und das marode Finanzsystem radikal zu reformieren, hätte Obamas Team beschlossen, "sich durch die Krise durchzuwursteln". Der Präsident, schreibt Stiglitz, habe mit dem Versprechen vom "Wandel" die Wahl gewonnen, doch dann habe er "die Stühle an Deck der Titanic nur geringfügig umgestellt". Stiglitz bemängelt - mit deutlich säuerlichem Unterton, wie die "New York Times" bemerkt -, dass Obama bei der Wahl seines Wirtschaftspersonals auf Vertreter des "alten Systems" gesetzt habe: Notenbankchef Ben Bernanke blieb im Amt, und Finanzminister Timothy Geithner leitete zuvor die Außenstelle der Federal Reserve in New York.

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