Kommentar zum BIP
Ruhe vor dem politischen Sturm

Konsum, Bauboom und Flüchtlingsausgaben beflügeln die deutsche Wirtschaft. Die Exporterfolge trugen dagegen nicht zum Wachstum bei. Für diese scheinbare Diskrepanz gibt es zwei Erklärungen, die beide bedenklich stimmen.
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FrankfurtDeutschlands Wirtschaft ist im vierten Quartal 2016, ebenso wie im Gesamtjahr, mit einer guten Rate gewachsen, getragen vor allem von einem Bauboom und höherer staatlicher Nachfrage, auch aufgrund des starken Flüchtlingszustroms. Die vielkritisierten Exporterfolge trugen dagegen nicht zum Wachstum der Wirtschaftsleistung bei. Das erstaunt auf den ersten Blick etwas, angesichts des vor kurzem vermeldeten neuen Rekords im Außenhandelsüberschuss.

Für die scheinbare Diskrepanz gibt es zwei Erklärungen, die beide eher bedenklich stimmen. Zum einen sind die Exporte relativ zur Wirtschaftsleistung und relativ zu den Importen inzwischen so hoch, dass es nur noch schwer möglich ist, den Überschuss weiter zu steigern und so das gesamtwirtschaftliche Wachstum anzutreiben. Das exportgetriebene Wachstumsmodell stößt allmählich an die Grenzen einer endlichen Weltwirtschaft. Deutschland wird es, wie vor ihm bereits China schaffen müssen, auf ein Modell umzuschalten, das stärker auf inländische Nachfrage setzt.

Der zweite Grund liegt darin, dass die Effekte von Wechselkurs und Preisen auf die Handelsbilanz bei der Berechnung des „realen“, also preisbereinigten Wirtschaftswachstums herausgerechnet werden. 2016 waren die Preise für Energie, die einen beträchtlichen Teil der Importe ausmacht, deutlich niedriger als im Vorjahr. Deshalb waren die bei der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts berücksichtigten mengenmäßigen Importe deutlich höher, als die bei der Berechnung des Handelsüberschusses einschlägigen Importwerte in Euro.

In der schon lange anhaltenden Diskussion um den deutschen Außenhandelsüberschuss, die mit Donald Trumps Drohungen protektionistischer Gegenmaßnahmen eine neue Qualität erreicht hat, geht es aber allen um den wertmäßigen Überschuss in Dollar oder Euro. Zusammengenommen bedeutet das: zu einer Zeit, wo Deutschland aufgrund des bereits erreichten Niveaus ohnehin kaum noch Wachstumsimpulse aus dem Außenhandel generieren kann, gerät es noch zusätzlich unter starken politischen Druck, mehr zu importieren und weniger zu exportieren.

Noch fehlt ein Plan, das ohne massive Verwerfungen hinzubekommen. Den offiziellen Verlautbarungen aus der Regierung zufolge, gibt es noch nicht einmal Handlungsbedarf. Das ist bedenklich.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

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  • Sehr geehrter Herr Häring,

    die These von der Sättigung der Bedürfnisse und Märkte haben die Gewerkschaften schon im Jahr 1984 zur Untermauerung ihrer Forderung nach Einführung der 35-Stunden Woche vorgetragen. Edzard Reuter, Vorstandsvorsitzender 1987 bis 1995 der Daimler-Benz-AG, glaubte, die Märkte für Premiumfahrzeuge seien gesättigt. Tatsächlich hat seine Firma ihre Absatzzahlen aber vervierfacht. Und jeder Ökonom weiß, dass der Welthandel jedes Jahr um mindestens 3 % wächst. Soweit zu Ihren Sorgen, die deutschen Exporte ließen sich kaum noch steigern.

    Der deutsche Leistungsbilanzüberschuß ist Ausdruck der Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes. Wer ihn abschaffen will, schafft gleichzeitig einige Millionen Arbeitsplätze ab. In Anbetracht der protektionistischen Haltung des amerikanischen Präsidenten müssen wir darauf vielleicht gar nicht so lange warten. Vielleicht löst sich das angebliche Problem aber auch durch die Bundestagswahl. Eine rot-rot-grüne Koalitition würde sicher so viele Wohltaten verteilen, dass die Binnennachfrage gestärkt und unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit erheblich geschwächt würde. Wer in einem solchen Land investieren und Arbeitsplätze schaffen soll, bleibt ein Geheimnis.

  • WIR SCHAFFEN DAS! - WIR SCHAFFEN DAS! - WIR SCHAFFEN DAS!

    Die Rücklage aus Überschuss in Höhe von 6,2 Mrd. EUR wird nicht reichen. Wenn jährlich dieser Betrag mit vier multipliziert wäre käme er der Realität näher.
    Für die "HIER SCHON LÄNGER LEBENDEN" bedeutet dies natürlich auf den Leib geschriebene AUSTERITÄTSPOLITIK im persönlichen Bereich in Deutschland gerade und gleich so, wie es Schäublesche Finanzpolitik gegenüber Griechenland bedeutet.

    DANN ÜBERLEGE JEDER FÜR SICH, WAS ER IM MAI IN NRW WÄHLT!:

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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