Kommentar zum Exportrekord
Mehr Schein als Sein

Deutschlands Exporte haben im März ein Rekordniveau erreicht. Dennoch sollte niemand übermütig werden: Denn trotz neuer Exportrekorde kommt die deutsche Konjunktur nicht allzu stark aus dem Winter.
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In der Ökonomie kommt es manchmal vor, dass das kurzfristige Bild das langfristige überdeckt. Gerade ist es wieder so: Satte 107,5 Milliarden haben die deutschen Exporteure im März eingenommen mit ihren Ausfuhren. Das ist so viel wie noch nie in einem Monat und mehr als zwölf Prozent mehr als im März des Vorjahres. Alles super also in der deutschen Konjunktur?

Nicht unbedingt. Denn betrachtet man das ganze erste Quartal des Jahres 2015 und nicht nur den März, dann läuft der Außenhandel nicht allzu üppig. Solide ja, üppig nein. Vielleicht profitiert der Exportsektor doch nicht so sehr vom niedrigen Euro-Kurs, wie viele dachten.

Schuld daran könnte ein Paradoxon sein: Weil deutsche Firmen so gute Qualität ins Ausland liefern, spielt der Preis keine so große Rolle. Wird der Euro billiger – und deutsche Exporte damit auch –, ist der zusätzliche Schub zwar da, aber er ist eher klein. Länder wie Italien profitieren viel mehr vom verfallenen Euro, ihre Produkte reagieren empfindlicher auf den Preis. Kein Wunder also, dass Italiens Exporte in die USA gerade boomen.

Für Deutschlands Außenhandel kommt hinzu, dass die Nachfrage aus den Absatzmärkten in Übersee – gerade die in den Schwellenländern – nicht allzu stark sein dürfte. In der Euro-Zone geht es zwar wieder aufwärts. Doch seit der Krise spielt der Währungsraum eine viel kleinere Rolle für den deutschen Handel.

Aber auch sonst läuft die heimische Konjunktur zwar gut, aber ein richtiger Boom ist es nicht. Die sogenannten harten Daten waren im März allesamt schwächer als es Experten erwartet hatten: Die Industrieproduktion lag im ersten Quartal deutlich unter der des letzten Quartals 2014. Und auch die Auftragsbücher füllten sich weniger schnell als erhofft.

Weil die Menschen in Deutschland noch immer solide Lohnsteigerungen bekommen und das Geld somit locker sitzt, wird 2015 wohl dennoch ein gutes Jahr. Zwischen eineinhalb und zwei Prozent Wachstum sollten möglich sein. Doch alle, die sich schon mit höheren Zahlen hervorgewagt hatten, könnten am Ende als Überoptimisten dastehen.

Der Redakteur des Handelsblatts ist Experte für Konjunktur.
Hans Christian Müller-Dröge
Handelsblatt / Redakteur

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