_

Konjunktur: Deutsche Wirtschaft stürzt brutal ab

Die deutsche Wirtschaft ist zu Jahresbeginn so stark eingebrochen wie noch nie. Das Bruttoinlandsprodukt sank von Januar bis März um 3,8 Prozent verglichen mit dem Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte. Ein größeres Minus hat es seit Einführung der Quartalsvergleiche 1970 noch nicht gegeben.

"Der Einbruch ist Folge deutlich gesunkener Exporte und Investitionen“, sagte ein Statistiker. Quelle: dpa
"Der Einbruch ist Folge deutlich gesunkener Exporte und Investitionen“, sagte ein Statistiker. Quelle: dpa

HB BERLIN. Es fiel zudem deutlicher aus als erwartet: 45 von Reuters befragte Ökonomen hatten lediglich einen Rückgang um drei Prozent vorausgesagt. „Der Einbruch ist Folge deutlich gesunkener Exporte und Investitionen“, sagte ein Statistiker. Die privaten und staatlichen Konsumausgaben hätten dagegen leicht zugelegt und ein noch schlechteres Ergebnis verhindert. Details will das Bundesamt am 26. Mai nennen.

Anzeige

Die Wirtschaftsleistung sank damit bereits das vierte Quartal in Folge. Ende 2008 hatte es ein Minus von revidiert 2,2 (bisher: 2,1) Prozent gegeben, während es im Frühjahr und Sommer um jeweils 0,5 Prozent nach unten gegangen war.

Die Bundesregierung und die führenden Wirtschaftsinstitute rechnen für 2009 mit einem Minus von sechs Prozent. Das wäre der stärkste Einbruch seit Gründung der Bundesrepublik. Ursache dafür ist die globale Wirtschaftskrise, unter der Exportweltmeister Deutschland besonders leidet. Die Regierung sieht jedoch Anzeichen für eine Stabilisierung der Wirtschaftsleistung im Laufe des Jahres. Es gebe Hinweise darauf, dass das erste Quartal „das schwierigste und das schlechteste Quartal“ in diesem Jahr gewesen sei und sich ein solch starker Einbruch wahrscheinlich nicht wiederholen werde, sagte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg am Freitag in Berlin.

Auch im Vergleich mit dem ersten Quartal 2008 brach die Wirtschaftsleistung zu Jahresbeginn kräftig ein: Sie sank um 6,7 Prozent.

Nach Einschätzung des Chefvolkswirtes der Deutschen Bank, Norbert Walter, hat die Rezession mit dem Rekordeinbruch zu Jahresbeginn ihren Höhepunkt erreicht. „Das Schlimmste liegt hinter uns“, sagte Walter. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir noch einmal einen so starken Rückgang sehen werden.“ Für das laufende Frühjahrsquartal rechnet der Chefvolkswirt noch einmal mit einem Minus zwischen 1,0 und 1,5 Prozent, dem im Sommer eine Stagnation folgen werde.

„Am Jahresende ist dann etwas Wachstum in Sicht“, sagte der Ökonom. Grund dafür seien die weltweiten Konjunkturprogramme. Eine Trendwende signalisiere das aber nicht. „Ich sehe noch keinen Aufschwung“, sagte Walter. Das sei erst dann der Fall, wenn die Unternehmen ihre Kapazitätsauslastung erhöhten und wieder mehr investierten. Damit sei aber bis weit in das kommende Jahr hinein nicht zu rechnen. Für 2009 erwartet der Experte einen Rückgang der Wirtschaftsleistung von fünf Prozent. Damit bekräftigte er seine Prognose von vergangenem November, mit der er sich an die Spitze der Konjunkturpessimisten setzte und viel Kritik aus der Politik einstecken musste. Für 2010 sagt Walter Stagnation voraus: „Es wird eine schwarze Null geben“.

Jörg Lüschow von der WestLB glaubt, dass allein der dämpfende Außenbeitrag die Wirtschaft um zwei bis zweieinhalb Prozent schrumpfen ließ. Zudem müsse es einen kräftigen Lagerabbau gegeben haben. Für die aktuelle Entwicklung sei das zwar schlecht, sagte der Ökonom. "Wenn aber die Unternehmen einen Großteil ihrer Lager reduziert haben, sind die Voraussetzungen dafür gegeben, dass wir bald wieder positive BIP-Zahlen sehen werden." Möglicherweise gebe es sogar schon im zweiten Quartal wieder ein leichtes Plus, schlechtestenfalls einen leichten Rückgang. "Die Dramatik der Rezession wird der Vergangenheit angehören.“

Der Chefvolkwirt der Commerzbank, Jörg Krämer, führt den Einbruch auf einen "Unsicherheitsschock" zurück, der seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers die Weltwirtschaft in "eine Schockstarre" versetzt habe. "Diese Schockstarre hat sich aber inzwischen wieder etwas gelöst, weil die Maßnahmen der Notenbanken und Finanzminister zu greifen beginnen", analysiert der Ökonom. Im zweiten Quartal werde die Wirtschaftsleistung nur noch wenig schrumpfen, ist sich Krämer daher sicher. Und: "Auch für das dritte Quartal erwarten wir ein leichtes Minus." Im vierten Quartal könne es dann wieder "ein blutleeres Plus" geben.

Jürgen Michels von der Citigroup sprach von einem dramatischen Absturz. "Es kann nur noch weniger schlimm werden, aber nicht wirklich besser", sagte der Ökonom. "Ob die Wirtschaft wieder wächst in diesem Jahr, ist fraglich."

  • Video

Politik Bundestag stärkt Organspende

Krankenversichterte ab 16 Jahren werden in Zukunft häufiger gefragt, ob sie Organspender werden wollen. Dieses Gesetz hat der Bundestag mit großer Mehrheit verabschiedet - und noch einige weitere Entscheidungen gefällt.

  • Die aktuellen Top-Themen
Kontrolle weiter abgelehnt: Iran plant Bau eines neuen Atomkraftwerks

Iran plant Bau eines neuen Atomkraftwerks

Der Iran bleibt beim Atomprogramm stur: Kontrolleuren wird nach wie vor der Zugang zu den Anlagen verweigert - gleichzeitig kündigte die Regierung nun den Bau eines neuen Kernkraftwerks an. Streit ist vorprogrammiert.

Umfragewerte: Union sinkt in der Wählergunst auf 32 Prozent

Union sinkt in der Wählergunst auf 32 Prozent

Ganze drei Prozent verliert die Union in einer aktuellen Umfrage. Mit nur 32 Prozent Zustimmung muss Merkels Partei sogar aufpassen, nicht von der SPD eingeholt zu werden. Doch aus der Partei kommen optimistische Töne.

Wird Strom teurer?: Koalition sorgt sich um Kosten der Energiewende

Koalition sorgt sich um Kosten der Energiewende

Der neue Bundesumweltminister Peter Altmaier will mehr Tempo bei der Energiewende. Es ist eine Herkulesaufgabe. Nun drohen auch noch die Kosten auszuufern. Ein Zurück zur Atomkraft soll es aber nicht geben.

Global Reporting Krieg gegen Krankenhäuser

An einem Sonntagmorgen im Sommer 2011 wollte der 21-jährige Syrer Khaled al-Hamedh Medikamente für seinen kleinen Bruder besorgen. Khaled machte sich auf den Weg zu einem Krankenhaus in seiner Heimatstadt Hama. Die Apotheken in Hama waren... Von Jan Dirk Herbermann. Mehr…

Handelsblog Feuert die Dicke Bertha in die falsche Richtung?

Ein Kernproblem im Euro-Raum ist, dass es in den Krisenstaaten einen gefährlichen Link gibt zwischen dem Bankensystem und den Staatsfinanzen dieser Länder. Geldinstitute in Griechenland, Spanien, Irland und anderen Ländern stehen mit dem... Von Olaf Storbeck. Mehr…

  • Konjunkturtermine
Konjunkturtermine: Wochenvorschau

Wochenvorschau

Die wichtigsten Ereignisse und Indikatoren in Europa und International