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Konjunkturausblick: Krise setzt Ökonomen unter Zugzwang

„Knapp vorbei ist auch daneben“, heißt eine alte Fußballweisheit. Für Konjunkturforscher wäre „knapp daneben“ dagegen ein riesiger Erfolg. Denn weder Sachverständigenrat, noch Forschungsinstitute oder Konjunkturreferate in Ministerien und Banken haben das Unheil aufziehen sehen, dass sich im Herbst über Deutschland zusammengebraut hat. Die Weltrezession wurde zum Desaster für die gesamte Makroökonomie.

Die letzte Gemeinschaftsprognose der Wirtschaftsforschungsinstitute ging gründlich in die Hose. Quelle: ap
Die letzte Gemeinschaftsprognose der Wirtschaftsforschungsinstitute ging gründlich in die Hose. Quelle: ap

DÜSSELDORF. Zur Erinnerung: Bei ihrer letzten Gemeinschaftsdiagnose im Oktober sagten die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute für 2009 Deutschland 0,2 Prozent Wachstum voraus. Um sich – scheinbar – gegen alle Eventualitäten abzusichern, entwarfen die Volkswirte ein Risikoszenario, das einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,8 Prozent vorhersagte. Hintergrund war, dass einen Monat zuvor die US-Bank Lehman Pleite gegangen war und in Deutschland die Skandalbank HRE nur dank kräftiger Infusionen vom Bund am Leben gehalten werden konnten.

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Ab heute grübeln die gleichen drei Dutzend Volkswirte im Münchner Ifo-Institut darüber, wie weit sie mit ihrer letzten Prognose wohl daneben gelegen haben: minus drei, minus vier oder gar minus fünf Prozent „Wachstum“ dürfte am Ende unter dem Frühjahrsgutachten stehen, das sie am 23. April Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg überreichen.

Klar ist, dass es zur größten Revision aller Zeiten kommen wird. Die Frage aller Fragen lautet: Wann ist der Spuk endlich vorbei?

Und vor einer Antwort können sich die Institute dieses Mal definitiv nicht drücken. Schließlich müssen sie nicht nur prognostizieren, wie sich die Konjunktur dieses und nächstes Jahr entwickeln wird; sie müssen auch darüber befinden, wie es mittelfristig weitergeht. Hält man sich vor Augen, dass das Institut für Weltwirtschaft in seinem letzten Gutachten schrieb, mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit werde sich 2010 das Wachstum in einer Spanne von etwa plus zweieinhalb und minus zweieinhalb Prozent bewegen, wird klar, dass alle mittelfristigen Aussagen bestenfalls Kaffeesatzleserei sind.

Tatsächlich haben die Institute Wendepunkte im Konjunkturverlauf fast nie treffsicher vorhergesagt. So wurde etwa im Frühjahr 2002 nach dem Platzen der New-Economy-Blase und den Anschlägen in den USA auf das World Trade Cente für das laufende Jahr ein moderates und das Folgejahr gar ein kräftiges Wachstum vorhergesagt – tatsächlich folgte aber eine lange Stagnationsphase. Selbst im Herbst 2004 wurde die Entwicklung für das laufende und das nächste Jahr noch deutlich überschätzt. Erst als dann Ende 2005 der Super-Aufschwung vor der Tür stand, war der Optimismus endgültig verflogen. Für das Folgejahr sagten die Institute magere 0,6 Prozent Wachstum voraus – tatsächlich wurde es mit drei Prozent Wachstum das beste Jahr für die deutsche Wirtschaft seit langem.

Vor genau einem Jahr dann prognostizierten die Institute der Weltkonjunktur eine weiche Landung; die deutsche Wirtschaft sollte 2009 noch moderat wachsen. Tatsächlich wurde das Bruttoinlandsprodukt um 120 Mrd. Euro zu hoch geschätzt – legt man eine Steuerquote von 22 Prozent zu Grunde, wird klar, was das für die Steuereinnahmen bedeutet. Die neue Steuerschätzung dürfte so ausfallen, dass er „am besten im Bett bleibt“, gestand Peer Steinbrück neulich im Bundestag.

Ist es angesichts des Prognose-Desasters nicht besser, in stürmischen Zeiten ganz auf Vorhersagen zu verzichten? Wohl kaum, aber business as usual darf auch nicht die Antwort auf das Debakel sein. Neue Konjunktur-Modelle, die die Rolle des Finanzsektors und die gegenseitigen Abhängigkeiten aller Volkswirtschaften besser abbilden, müssen her – und vielleicht auch bessere Statistiken. So kommen erst in dieser Woche wichtige Daten aus der Industrie für den Monat Februar, und vollständige Informationen über die Steuereinnahmen des Staates in 2008 liegen immer noch nicht vor.

Das geht auch anders: So meldete etwa die japanische Statistikbehörde bereits am 25. März Exportzahlen für Februar, und Korea präsentierte seine März-Exporte bereits am 1. April.

Vielleicht muss auch das Konzept für die Gemeinschaftsdiagnose erneut überdacht werden. Derzeit zahlt das Wirtschaftsministerium vier Konsortien aus acht Instituten insgesamt 3,8 Mio. Euro für sechs Gutachten. Die nächste Ausschreibung ist für Sommer 2010 geplant. Es sei verfrüht, schon jetzt Änderungen vorzusehen, heißt es aus dem Ministerium. „Sie bleiben aber grundsätzlich auch nicht ausgeschlossen.“ Treffsicherheit scheint kein Erfolgskriterium zu sein.

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