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Konjunkturausblick: Wer die Aufschwung-Vorreiter in Europa sind

Wer in Europa kriegt in der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise schneller die Kurve? Die großen EU-Staaten entwickeln sich unterschiedlich. Doch Frankreich und Deutschland erweisen sich einmal mehr als Vorreiter und geben die Marschrichtung in Sachen Aufschwung vor.

Die Konjunkturdaten zeigen, dass Europa ein Kontinent der zwei Geschwindigkeiten geworden ist. Quelle: dpa
Die Konjunkturdaten zeigen, dass Europa ein Kontinent der zwei Geschwindigkeiten geworden ist. Quelle: dpa

DÜSSELDORF/MAILAND/LONDON. Die Briten sind geschockt: Anstatt im Einklang mit der Eurozone in den globalen Aufschwungtrend einzuschwenken, ist die Wirtschaft im dritten Quartal weiter zurückgefallen. Unisono hatten die Volkswirte einen ersten Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nach der Finanzkrise vorausgesagt. Doch das Nationale Statistikamt strafte sie mit einer Schätzung von minus 0,4 Prozent Lügen. Seit 18 Monaten befindet sich das Königreich nun in der Rezession - so lange wie noch nie seit den Fünfzigerjahren.

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Zur gleichen Zeit unterstreichen die jüngsten Indikatoren aus der Eurozone, dass vor allem die deutsche und französische Industrie den Wirtschaftsblock aus der Flaute ziehen. Doch auch im Euroraum gibt es Nachzügler, vor allem Spanien.

Die Konjunkturdaten zeigen, dass Europa ein Kontinent der zwei Geschwindigkeiten geworden ist. Die Länder, in denen die Wirtschaft im vergangenen Boom vom Immobilienmarkt und vom Konsum getrieben war, brauchen länger, um sich von der Krise zu erholen. Dieser Trend dürfte bis ins kommende Jahr anhalten. "Die Zahlen sehen schrecklich aus. In den gesamten Daten gibt es kein einziges positives Signal", fasst Volkswirt James Knightley von ING die Lage zusammen. Am Ende werde man womöglich als einzige große Volkswirtschaft im dritten Quartal noch in der Rezession stecken. Knightley fürchtet, dass die BIP-Zahlen das ohnehin angeschlagene Vertrauen in die Staatsfinanzen weiter untergraben könnten. Das Haushaltsdefizit wird nach Einschätzung der Deutschen Bank mit über zwölf Prozent des BIP etwa doppelt so hoch ausfallen wie in der Eurozone. Volkswirte richten sich nun darauf ein, dass die Bank von England die Geldmenge noch stärker ausweiten wird. Die Notenbank pumpt derzeit über ein Rückkaufprogramm für Staatsanleihen 175 Mrd. Pfund an zusätzlicher Liquidität in die Wirtschaft. Vom einstigen Wachstumswunder Großbritannien ist der Lack ab.

Das gilt auch für Spanien, wo eine stattliche Immobilienblase platzte und Bausektor ebenso wie Konsum in die Krise stürzten. Spanien ist für den größten Teil des Anstiegs der Arbeitslosigkeit in Europa verantwortlich. Die Quote scheint sich im dritten Quartal nach einem rapiden Anstieg bei 18 Prozent eingependelt zu haben. Analysten der Citigroup sagen für das dritte Quartal ebenso wie Großbritannien einen BIP-Rückgang von 0,4 Prozent im Vergleich zum vorangegangenen Vierteljahr voraus. Das Haushaltsdefizit werde sich hier bei zehn Prozent des BIP einpendeln, auch wenn die Regierung schon mit einem Sparkurs gegensteuere. Aber auch für 2010 erwarten viele Ökonomen noch eine negative Wachstumsrate.

Deutschland schlägt sich wacker. Im zweiten Quartal überraschte Europas führende Wirtschaftsmacht bereits mit einem BIP-Zuwachs von 0,3 Prozent. Für das dritte Quartal erwartet die Citigroup ein Plus von 0,9 Prozent. Auch andere Ökonomen sehen ein kräftiges Quartalswachstum. 2010 werde der Schwung allerdings nachlassen. Darauf deuten Indikatoren wie der Ifo-Index hin. Im Oktober ist der Ifo-Index von 91,3 auf 91,9 Punkte gestiegen, wobei die Erwartungen sich mit einem Sprung von 95,7 auf 96,8 Punkte deutlich besser entwickelten als die Einschätzung der aktuellen Lage. Dass die Industrie die Triebfeder des Aufschwungs ist, zeigt auch die europaweite Umfrage von Markit unter Einkaufsmanagern. Der Einkaufsmanagerindex stieg auf den höchsten Stand seit fast zwei Jahren. Die Wirtschaft der Eurozone habe einen guten Start ins vierte Quartal erwischt, sagte Markit-Chefökonom Chris Williamson.

Besonders robust waren die Zahlen für Frankreich. Hier war der Einbruch der Wirtschaftsleistung im vergangenen Winter vergleichsweise moderat ausgefallen - nicht einmal halb so stark wie in Deutschland. Die Franzosen kamen bereits im zweiten Quartal aus der Rezession heraus. Für das dritte und vierte Quartal erwartet die Citigroup Wachstumsraten von 0,5 und 0,6 Prozent. Der Geschäftsklimaindex des Statistikinstituts Insee stieg im Oktober noch einmal deutlich um drei Punkte auf 89 Punkte.

Langsamer, aber doch spürbar ist Italiens Konjunktur wieder angesprungen. Im zweiten Quartal noch im Minus, rechnet die Zentralbank für das dritte Quartal mit einem kräftigen BIP-Wachstum von einem Prozent. Über den Sommer habe sich die Industrie überraschend stark erholt, heißt es bei der Citigroup.

Das Land hat die Krise nicht zuletzt dank der hohen privaten Sparquote der Familien besser überstanden als befürchtet. Doch dafür ist der Staat besonders hoch verschuldet: Die Staatsschulden dürften nach Schätzung von Ökonomen bis Ende 2010 auf 120 Prozent des BIP wachsen. "Auch wenn Italien weitgehend der Flut der Privatverschuldung entronnen ist, die etwa Spanien getroffen hat, war die Rezession besonders stark", sagte Ökonom Gilles Moec von der Deutschen Bank. Der Rückgang des BIP war über die gesamte Rezession hinweg stärker als in den anderen großen Industrieländern.

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