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Literatur: Wenn das Wachstum seine Grenzen erreicht

Mit der Krise kommt die Diskussion über die Grenzen des Wachstums zurück. Kann ein Wirtschaftsmodell, das Wachstum als Selbstzweck definiert – ohne soziale oder ökologische Komponente – noch funktionieren? Was nutzt „grüne“ Wirtschaft? Drei Bücher, drei Perspektiven.

Die US-Umweltaktivistin Annie Leonard ruft in ihrem Buch zum Konsumverzicht auf, um den Planeten zu retten. Quelle: ap
Die US-Umweltaktivistin Annie Leonard ruft in ihrem Buch zum Konsumverzicht auf, um den Planeten zu retten. Quelle: ap

DÜSSELDORF. Amerikas Ökotopia liegt in Kalifornien, in Berkeley. Hier lebt eine Gruppe guter Freunde in einer Gemeinschaftssiedlung. Die Lebensmittel aus lokaler Produktion kaufen sie im Tante-Emma-Laden um die Ecke. Das alte T-Shirt tragen sie auf, bis es Löcher hat, das neue kommt aus einem Betrieb mit strengen Umweltstandards und gewerkschaftlich organisierten Arbeitern. Und der kaputte CD-Player wird repariert, nicht weggeworfen.

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Die US-Umweltaktivistin Annie Leonard sieht ihre kleine Kommune als Oase in einem Land, dessen Wirtschaft zu 70 Prozent vom hemmungslosen Konsum seiner Bürger abhängt. Denn dieser „American way of life“ ruiniert den Planeten, schreibt sie in ihrem Buch „The Story of Stuff – Wie wir unsere Erde zumüllen“. Ihr deutsches Publikum hat sie schon vor dem Erscheinen der Übersetzung mit einem Internetfilm erreicht.

Die Konsumverzichts-Predigt der jungen Amerikanerin ist eine der vielen Neuerscheinungen, die sich – knapp 40 Jahre nach Dennis L. Meadows Klassiker – wieder mit den „Grenzen des Wachstums“ befassen. Gerade in der Finanz- und Schuldenkrise stellt sich die alte Frage neu: Kann ein Wirtschaftsmodell, das Wachstum als Selbstzweck definiert – ohne soziale oder ökologische Komponente – noch funktionieren?

Nein, schreibt Leonard, die 20 Jahre lang als Müll-Expertin für Greenpeace und andere Organisationen rund um den Globus gereist ist. Dabei hat sie gesehen, was die moderne Wegwerfgesellschaft von der Rohstoffgewinnung über Produktion und Transport bis hin zur Entsorgung anrichtet. Das Coltan für das neue Handy befeuert den Bürgerkrieg im Kongo. Das T-Shirt aus der neuen Kollektion wird in asiatischen Sweat-Shops genäht. Und das giftige Spielzeug schädigt erst die Arbeiter in China und wird dann in US-Müllverbrennungsanlagen entsorgt, die natürlich in Schwarzen-Siedlungen stehen.

In ihrer faktenreichen (leider oft auch zahlenlastigen) Analyse gibt die Autorin Tipps, was der Einzelne und die Politik für eine bessere Welt tun können. Echte Aha-Erlebnisse wird der ökologisch interessierte Leser zwar nur selten haben. Der Stil („Dabei ist jedem, der seine fünf Sinne beisammenhat, doch klar …“) zeigt aber, dass es der zuweilen als „Marx mit Pferdeschwanz“ beschimpften Autorin ohnehin eher um die ideologische Botschaft geht: Der Amerikaner muss aufhören, über seine Verhältnisse zu leben und vielleicht auch mal eine Handy-Generation überspringen. Denn wird das US-Konsummodell weltweit zum Ideal erhoben, reicht die eine Welt, die wir haben, nicht aus; dann bräuchten wir mehr als fünf Planeten Erde.

Bei diesem „Faktor Fünf“ setzt das Buch des Naturwissenschaftlers Ernst Ulrich von Weizsäcker und seiner Ko-Autoren der australischen Forschergruppe Natural Edge Project an. Der Bericht für den Club of Rome, eine Fortschreibung von „Faktor Vier“ aus dem Jahr 1997, zeigt auf, wie sich Umweltbelastung und Ressourcenverbrauch weltweit um den Faktor Fünf, also um 80 Prozent, reduzieren ließen. Der wissenschaftlich interessierte Leser erfährt hier alles über technische Innovationen wie das Null-Energie-Haus und politische Steuerungsinstrumente wie die langfristige Ökosteuer.

Auf dem Weg zur „grünen“ Wirtschaft müssen dabei Gewinnstreben und ökologischer Imperativ nicht zwingend im Widerspruch stehen, etwa wenn politische Vorgaben wie in Japan einen Herstellerwettlauf um den sparsamsten Kühlschrank auslösen. Doch ohne Konsumverzicht, das verhehlt auch Weizsäcker nicht, werden die „Grenzen des Wachstums“ schnell überschritten sein. Denn was nützt der sparsamste Kühlschrank, wenn dafür der zweite Fernseher oder die Playstation den Stromverbrauch wieder in die Höhe treibt?

Anhänger der reinen Marktlehre werden an dem Buch nicht viel Freude haben. Denn wie Leonard glaubt auch Weizsäcker, dass man sich von „dem nun fast drei Jahrzehnte anhaltenden Zeitgeist der Staatsverachtung und Marktüberschätzung“ verabschieden muss, um eine gerechte und umweltschonende Wirtschaftsordnung zu erreichen. Leider, stellt der Autor fest, konzentriere sich die Politik derzeit aber darauf, die Symptome der Wirtschaftskrise zu bekämpfen. Sie „rette“ lieber einzelne Autofabriken, statt frisches Kapital mit dem Blick nach vorn zu investieren. Der Opel-Mitarbeiter, der um seinen Job fürchtet, ohne dass in Bochum schon Tausende neue Öko-Arbeitsplätze in Sicht wären, dürfte das Buch an dieser Stelle verärgert zur Seite legen.

Die amüsanteste Annäherung an die „Grenzen des Wachstums“ präsentiert Kathrin Hartmann mit „Ende der Märchenstunde“. Mit beißendem Spott knöpft sich die Journalistin die Jünger des „Lifestyle of Health and Sustainability“ (Lohas) vor, die in den deutschen Szenevierteln der Großstädte immer mehr Anhänger finden – nicht nur am Prenzlauer Berg. Die kaufen ihre Putzmittel bei Utopia.de, verbringen ihre Samstage bei Manufactum und leisten eine Baumspende, um dann guten Gewissens mit ihrem Porsche weiter die Luft verpesten zu können.

Fair-Trade-Kaffee trinken für eine bessere Welt

Hartmann verdammt nicht die Lifestyle-Ökos an sich, sondern deren Überzeugung, ihren Beitrag für eine bessere Welt geleistet zu haben, wenn sie nur fleißig Fair-Trade-Kaffee trinken und im Bio-Laden einkaufen. In diese Richtung zielen auch die Versuche vieler Unternehmen, sich ein grünes Mäntelchen umzuhängen – genüsslich nimmt Hartmann etwa Krombachers „Saufen für den Regenwald“-Kampagne auseinander. „Greenwashing“-Aktivitäten wie diese, schreibt die Autorin, dienen vor allem dazu, den Absatz bei den kaufkräftigen Lohas-Anhängern zu steigern. Oder sie lenken von den wahren Problemen ab: der Ausbeutung der Zulieferer, umweltschädlichen Produktionsbedingungen oder ungerechten Handelsbeziehungen.

Darum zieht das Buch, bei allem polemischen Lesespaß, ein ernstes Fazit: „Es gibt keinen richtigen Konsum im falschen Weltwirtschaftssystem.“ Außer vielleicht in Ökotopia.

  • 04.06.2010, 18:13 UhrMichael Musil

    Der Wachstumszwang entspringt einem kranken Geldsystem, das aufgrund der Zinseszinsfunktion zwangsläufig in den exponentiellen bereich gerät. Wir stehen vor dem Gipfel und können uns auf den tiefen Fall freuen. Einige werden den Aufprall überstehen. Hoffentlich sind keine "Wirtschaftswissenschaftler" dabei!

  • 29.05.2010, 14:38 UhrBernhard Pallmann

    Wachstum??? Woran soll mans den messen??? Absolut richtig, ihr beitrag, Mit-Kommentator Lutz! Wie wir gerade im "Golf von Mexico" sehen, haben einige wenige "gegen die Natur" handelnde "Management"-Entscheidungen eine Wirtschafts-Öko-Overall-Katastrophe ausgelöst - die uns allen noch einbleuen wird, was wir als homo sapiens eigentlich hier auf der Erde zu tun haben: sie zu bewahren vor den korrupten Geld-Macht-Maschinisten, die einen Org..bekommen, wenn der beliebtheitsgrad ihre Partei oder der DAX um 10 Prozentpunkte rauf - und sich suizidieren (..manche Politiker weniger, leider..?!) wollen, wenn er um den gleichen betrag runtergeht. Wirtschaften ist wie Politik Naturgesetzen unterworfen. Sieht man doch gerade überdeutlich. Oder an Herrn Koch Roland. Einer weniger dieser Populisten. Lest mal nach, was der für Sprüche drauf hatte!!! Von wegen Wachstum! Hier auf Mallorca, wo ich gerade bin, bekommst du die tollsten Fincas, früher unerschwinglich, heute zu Hauff' um 20% des ehem. Preises nachgeworfen, viele Hotels stehen leer, alle insider grinsen nach aussen - aber zittern innen. Da spricht im Augenblick keiner von Wachstum! Und manche werden sogar echt bescheiden..!

  • 29.05.2010, 13:07 UhrLutz

    Die Naturgesetze sind unüberwindbar, dass sollte auch ein bWLer kapieren.

    Wir können nur effizienter werden.

    Oft kommt der Spruch: "Wir können nicht zurück in die Steinzeit." Die Natur ist keine Steinzeit, sie ist pure High-Tech, sobald wir sie verstehen und mit ihr arbeiten ohne sie zu missbrauchen und auszubeuten. (Natur kapieren und kopieren, V. Schauberger)







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