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Marcel Fratzscher: Neuer DIW-Chef warnt vor Lohnsprüngen

Lohnerhöhung ja, aber auf keinen Fall zu stark. Der neue DIW-Chef Marcel Fratzscher setzt auf eine Balance zwischen dem Ziel der Vollbeschäftigung und einer behutsamen Anpassung der Löhne.

Der bisherige EZB-Ökonom Marcel Fratzscher wird seine Stelle als neuer Chef des DIW am 1. Februar antreten. Quelle: dpa
Der bisherige EZB-Ökonom Marcel Fratzscher wird seine Stelle als neuer Chef des DIW am 1. Februar antreten. Quelle: dpa

BerlinDer neue DIW-Chef Marcel Fratzscher spricht sich gegen zu starke Lohnerhöhungen aus. Wichtig sei, eine Balance zu finden zwischen dem Ziel der Vollbeschäftigung und einer - an der Produktivität orientierten - Anpassung der Löhne, sagte er am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters in Berlin. "Wenn man übertreibt, muss man sich bewusst sein, dass die Beschäftigung nach unten geht und die Arbeitslosigkeit nach oben." Zudem liefen die anstehenden Tarifrunden vorm Hintergrund einer konjunkturellen Entwicklung, die noch von der Krise geprägt sei. "Deutschland schlittert knapp an einer Rezession vorbei", sagte Fratzscher, der am 1. Februar das Präsidentenamt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin übernimmt.

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Die neuen Wachstumsmärkte der deutschen Exporteure

  • Malaysia

    Fast fünf Prozent Wachstum jährlich werden dem aufstrebenden Land bis 2025 vorausgesagt. Im gleichen Zeitraum könnte sich das Bruttoinlandsprodukt verdoppeln. Ein Grund dafür ist die wachsende Wettbewerbsfähigkeit. Im internationalen Standort-Vergleich des World Economic Forum belegt Malaysia Platz 25, knapp hinter Deutschlands wichtigstem Handelspartner Frankreich (21), aber noch vor China (29) und Italien (42). "Malaysia ist eine der offensten Volkswirtschaften der Welt", lobt das Prognos-Institut.

  • Indonesien

    Das muslimisch geprägte Land lockt mit einem riesigen Binnenmarkt: Indonesien ist gemessen an der Bevölkerung die Nummer vier der Welt. 240 Millionen Einwohner leben hier. Bis 2060 wird Indonesien zur sechstgrößten Volkswirtschaft der Welt aufrücken und Deutschland überholen, sagt die Industriestaaten-Organisation OECD voraus. "Das rohstoff- und bevölkerungsreiche Land wird 2012 und 2013 um mehr als sechs Prozent wachsen", prognostiziert der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). "Die Wirtschaft des Inselreichs profitiert von niedrigen Zinsen und einer niedrigen Inflation."

  • Kolumbien

    Reiche Rohstoffvorkommen von Kohle über Öl und Gold bis zu Seltenen Erden, die Öffnung der Volkswirtschaft und nicht zuletzt eine deutlich verbesserte Sicherheitslage durch die Friedensgespräche mit den marxistischen FARC-Rebellen lassen auch hier ein jährliches Wirtschaftswachstum um die fünf Prozent erwarten. Für die Weltbank zählt Kolumbien zur Spitzengruppe in den lateinamerikanischen Staaten, wenn es um den Schutz geistigen Eigentums und Regulierung geht. "Das Land wird damit für ausländische Investoren interessanter", so der DIHK. Zusätzliche Impulse kommen von dem in Kraft getretenen Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union. Der DIHK hält deshalb sowohl bei den Importen als auch bei den Exporten Steigerungsraten von mehr als 20 Prozent für möglich.

  • Peru

    Noch mehr Wachstum wird Peru vorausgesagt: Sechs Prozent kann die Wirtschaftsleistung dort pro Jahr zulegen. Auch Peru hat ein Freihandelsabkommen mit der EU unterzeichnet und verfügt über viele Rohstoffe. Der DIHK hält deshalb ein Ausweitung des Handels um mehr als 20 Prozent für möglich. Besonders gefragt sein dürften Fahrzeuge. Dieser Markt lockt dem Prognos-Institut zufolge mit jährlichen Steigerungsraten von sieben Prozent.

  • Tunesien

    Das World Economic Forum hält Tunesien, wo der arabische Frühling begann, für das wettbewerbsfähigste Land Afrikas. "Zu den größten Pluspunkten gehören die geografische Nähe zu Europa, eine belastbare Infrastruktur sowie die günstigen Lohnkosten", betont das Prognos-Institut. "Das Bildungssystem ist im regionalen Vergleich gut ausgebaut. Zudem haben zahlreiche Tunesier im Ausland studiert."

  • Vietnam

    Schon jetzt zählt das asiatische Land mehr Einwohner als Deutschland, 2025 sollen es fast 100 Millionen sein. "Die konsumfreudige und zunehmend kaufkräftige Bevölkerung verspricht ein gewaltiges Absatzpotenzial: In kaum einem anderen Land Asiens wächst die Mittelschicht schneller als in Vietnam", so das Prognos-Institut. Mehr als sechs Prozent jährlich soll das Bruttoinlandsprodukt zulegen. Vietnam verfügt über unzählige billige Arbeitskräfte. Viele Unternehmen haben ihre Produktion deshalb schon aus dem teurer werdenden China in das Nachbarland verlagert.

Für die anlaufenden Tarifgespräche haben die Gewerkschaften für verschiedene Sektoren 5,0 bis 6,6 Prozent mehr Lohn gefordert. Im Öffentlichen Dienst der Länder etwa, wo die Gespräche am Donnerstag begannen, will die Gewerkschaft Verdi 6,5 Prozent durchsetzen. Mehrere Ökonomen, darunter auch Fratzschers Vorgänger beim DIW, Gert Wagner, hatten für stark steigende Einkommen plädiert.

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger etwa fordert über alle Branchen hinweg Lohnerhöhungen um fünf Prozent. Der Würzburger Professor argumentiert, Deutschland könne damit zur Stabilisierung der Euro-Zone beitragen und die Wettbewerbsposition der Krisenländer stärken. "Das Argument ist mit viel Vorsicht zu genießen", mahnte Fratzscher. Denn die eigentlichen Wettbewerber seien nicht in der Euro-Zone, sondern außerhalb davon - etwa in Asien.

Die weltweit besten Industriestandorte

  • Platz 1

    Die USA behaupten sich im IQ-Index auf dem ersten Rang. Dort waren die Vereinigten Staaten bereits 1995 zu finden.

  • Platz 2

    Im Vergleich von 45 Industrienationen belegt Schweden den zweiten Rang. Seit 1995 hat sich Schweden damit um zwei Plätze verbessert.

  • Platz 3

    Dänemark macht zwei Plätze gut und springt auf Rang 3. Skandinavien macht derzeit wirtschaftlich eine gute Figur.

  • Platz 4

    Auch Deutschlands Nachbar Schweiz schafft es auf einen der vorderen Plätze – 1995 stand die Alpenrepublik noch auf Rang 7.

  • Platz 5

    Deutschland macht den größten Sprung bei den Top-Industrienationen. 1995 sah das IW-Institut die Bundesrepublik noch auf Platz 14.

  • Platz 6

    Knapp hinter Deutschland folgt Australien auf Platz 6 – sogar mit dem gleichen Indexwert aus den 58 einzelnen Kategorien.

  • Platz 7

    Platz 7 geht an die Niederlande – damit verschlechtert sich unser Nachbar deutlich. Die Holländer lagen 1995 noch an zweiter Stelle des IW-Rankings.

  • Platz 8

    Auch Kanada muss einen Rückschlag hinnehmen. Der nordische Nachbar der USA stürzt um satte fünf Plätze ab.

Der künftige DIW-Präsident betonte: "Prinzipiell ist wichtig, dass Löhne die unterliegende Produktivität reflektieren müssen." Wegen der unterschiedlichen Lage in einzelnen Branchen und Sektoren seien Forderungen nach pauschalen Lohnerhöhungen wenig sinnvoll. Auch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hatte erst am Mittwoch Bofingers Vorschlag kritisiert: "Es gäbe ein Strohfeuer bei Einkommen und Konsum, aber die Unternehmen würden auch weniger investieren und zudem Beschäftigte entlassen." Die Bundesbank habe den Vorschlag von fünf Prozent mehr Lohn durchgerechnet. Demnach würde das Wirtschaftswachstum leiden und zudem die Inflation steigen, hatte Weidmann gesagt.

  • 01.02.2013, 12:32 UhrFakten

    Die Bruttolohnerhöhungen müssen auf Nettoerhöhungen umgestellt werden. Nur das hilft den Arbeitnehmern. Der Computer errechnet dann die Bruttoerhöhungen. Ein neues System muss her, weil heute von den Bruttoerhöhungen netto so gut wie nichts übrig bleibt. Steuern und Sozialabgaben fressen fast alles auf, und die wirkliche Inflationsrate wird nicht einmal ausgeglichen.

  • 31.01.2013, 21:45 UhrMazi

    Recht hat er. Zuerst müssen die Arbeitnehmer das "bekommen" was sich die Vorstände schon " vorweg genommen" haben.

  • 31.01.2013, 19:05 UhrDagmarK

    "Vollbeschäftigung" mit Niedriglohn und 450-Euro-Jobs? Und mit offiziell 3 Millionen Arbeitslosen sind wir auch meilenweit von Vollbeschäftigung entfernt.

    Was spricht dagegen den unteren Lohngruppen (Inklusive Leiharbeitern) 10% zu geben und bei Spitzenlöhnen keine Erhöhung zu machen?

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