Marcel Fratzscher: Neuer DIW-Chef warnt vor Lohnsprüngen

Marcel Fratzscher
Neuer DIW-Chef warnt vor Lohnsprüngen

Lohnerhöhung ja, aber auf keinen Fall zu stark. Der neue DIW-Chef Marcel Fratzscher setzt auf eine Balance zwischen dem Ziel der Vollbeschäftigung und einer behutsamen Anpassung der Löhne.
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BerlinDer neue DIW-Chef Marcel Fratzscher spricht sich gegen zu starke Lohnerhöhungen aus. Wichtig sei, eine Balance zu finden zwischen dem Ziel der Vollbeschäftigung und einer - an der Produktivität orientierten - Anpassung der Löhne, sagte er am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters in Berlin. "Wenn man übertreibt, muss man sich bewusst sein, dass die Beschäftigung nach unten geht und die Arbeitslosigkeit nach oben." Zudem liefen die anstehenden Tarifrunden vorm Hintergrund einer konjunkturellen Entwicklung, die noch von der Krise geprägt sei. "Deutschland schlittert knapp an einer Rezession vorbei", sagte Fratzscher, der am 1. Februar das Präsidentenamt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin übernimmt.

Für die anlaufenden Tarifgespräche haben die Gewerkschaften für verschiedene Sektoren 5,0 bis 6,6 Prozent mehr Lohn gefordert. Im Öffentlichen Dienst der Länder etwa, wo die Gespräche am Donnerstag begannen, will die Gewerkschaft Verdi 6,5 Prozent durchsetzen. Mehrere Ökonomen, darunter auch Fratzschers Vorgänger beim DIW, Gert Wagner, hatten für stark steigende Einkommen plädiert.

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger etwa fordert über alle Branchen hinweg Lohnerhöhungen um fünf Prozent. Der Würzburger Professor argumentiert, Deutschland könne damit zur Stabilisierung der Euro-Zone beitragen und die Wettbewerbsposition der Krisenländer stärken. "Das Argument ist mit viel Vorsicht zu genießen", mahnte Fratzscher. Denn die eigentlichen Wettbewerber seien nicht in der Euro-Zone, sondern außerhalb davon - etwa in Asien.

Der künftige DIW-Präsident betonte: "Prinzipiell ist wichtig, dass Löhne die unterliegende Produktivität reflektieren müssen." Wegen der unterschiedlichen Lage in einzelnen Branchen und Sektoren seien Forderungen nach pauschalen Lohnerhöhungen wenig sinnvoll. Auch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hatte erst am Mittwoch Bofingers Vorschlag kritisiert: "Es gäbe ein Strohfeuer bei Einkommen und Konsum, aber die Unternehmen würden auch weniger investieren und zudem Beschäftigte entlassen." Die Bundesbank habe den Vorschlag von fünf Prozent mehr Lohn durchgerechnet. Demnach würde das Wirtschaftswachstum leiden und zudem die Inflation steigen, hatte Weidmann gesagt.

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  • Die Bruttolohnerhöhungen müssen auf Nettoerhöhungen umgestellt werden. Nur das hilft den Arbeitnehmern. Der Computer errechnet dann die Bruttoerhöhungen. Ein neues System muss her, weil heute von den Bruttoerhöhungen netto so gut wie nichts übrig bleibt. Steuern und Sozialabgaben fressen fast alles auf, und die wirkliche Inflationsrate wird nicht einmal ausgeglichen.

  • Recht hat er. Zuerst müssen die Arbeitnehmer das "bekommen" was sich die Vorstände schon " vorweg genommen" haben.

  • "Vollbeschäftigung" mit Niedriglohn und 450-Euro-Jobs? Und mit offiziell 3 Millionen Arbeitslosen sind wir auch meilenweit von Vollbeschäftigung entfernt.

    Was spricht dagegen den unteren Lohngruppen (Inklusive Leiharbeitern) 10% zu geben und bei Spitzenlöhnen keine Erhöhung zu machen?

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