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Neue Indikatoren: Wie sich der Wohlstand eines Landes genauer messen lässt

Deutsche und französische Ökonomen wollen wirtschaftlichen Fortschritt nicht nehr nur am BIP festmachen. Stattdesen schlagen sie vor, weitere Indikatoren wie die "Lebensqualität" und "Nachhaltigkeit" eines Landes miteinzubeziehen. Ein entsprechender Entwurf soll am Freitag Bundeskanzlerin Merkel und Frankreichs Staatschef Sarkozy präsentiert werden.

Der Wohlstand eines Staates soll künftig nicht mehr nur danach ermittelt werden, wie gut es materiell um ihn steht. Quelle: Klaus Meinhardt
Der Wohlstand eines Staates soll künftig nicht mehr nur danach ermittelt werden, wie gut es materiell um ihn steht. Quelle: Klaus Meinhardt

BERLIN. Führende Ökonomen aus Frankreich und Deutschland wollen den wirtschaftlichen Fortschritt nicht länger allein am Bruttoinlandsprodukt (BIP) messen. Die deutschen Wirtschaftsweisen und der französische Rat für Wirtschaftsanalyse empfehlen, regelmäßig weitere Indikatoren zu ermitteln. Mit ihnen wollen sie neben der reinen Wirtschaftsleistung zusätzlich drei Kategorien näher untersuchen: den "materiellen Wohlstand", die "Lebensqualität" und die "Nachhaltigkeit".

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Einen ersten Bericht, der dem Handelsblatt bereits vorliegt, wollen die Experten heute Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy bei deren Treffen in Freiburg präsentieren. "Die Menschheit wäre tatsächlich arm, wenn alles, nach dem wir strebten, nur materieller Natur wäre", schreiben die Ökonomen in ihrer Expertise. Sie kommen dennoch zu dem Schluss, dass es der "falsche Weg" wäre, weiche Faktoren in das BIP einfach einzuarbeiten, um ein Maß für "Happiness" zu erhalten. Denn: Die bisher üblichen Indikatoren des materiellen Wohlstands, die ins BIP einfließen, und zusätzliche, nicht-materielle Informationen würden zusammengefasst ein weniger klares Bild einer Volkswirtschaft ergeben, als wenn man das BIP erhalte, und daneben auch andere Indikatoren erforsche, so die Wissenschaftler.

Die 170 Seiten lange Studie knüpft an einen Vorstoß der Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen an. Die beiden Wissenschaftler hatten angesichts der Finanzkrise Ende 2008 das BIP einer Generalkritik unterzogen. Ihr Fazit damals: "Das BIP ist unzureichend, um das Wohlergehen zu messen." Zudem blende es aus, unter welchen Bedingungen und mit welchen Folgen für Gesellschaft und Umwelt eine Volkswirtschaft produziere.

Die Wirtschaftsweisen Frankreichs und Deutschlands wollen trotzdem am BIP festhalten. Viel wäre jedoch gewonnen, wenn es künftig weniger in Debatten überhöht würde, wie dies vor der Krise häufig der Fall war, betonen sie.

Den "materiellen Wohlstand" könne man besser erfassen, wenn man neben dem BIP pro Kopf auch das BIP je Arbeitsstunde erfasse, die Beschäftigungsquote der Bevölkerung sowie das Nationaleinkommen pro Kopf und die Konsumausgaben betrachte. Schwer tun sich die Ökonomen dann aber damit, zusätzlich die "Lebensqualität" zu beschreiben: Dazu müssten Gesundheit und Bildung, soziale Beziehungen und Umweltbedingungen systematischer untersucht und in die Bewertung des Wohlstandes einer Nation einbezogen werden, schlagen sie vor. Wie dies geschehen kann, bleibt bei ihnen vage.

Nicht ganz so schwer tun sich die Ökonomen anschließend mit der "Nachhaltigkeit". Indikatoren wie die Nettoanlageinvestitionen des Privatsektors und die Nachhaltigkeitslücke bei den Staatsfinanzen, die es in Deutschland bereits gibt, sollten einfließen, oder auch die Treibhausgasemissionen.

Diese neuen Kategorien sollten der "Illustration" des gesellschaftlichen Fortschritts in reichen Gesellschaften dienen. Als "harte Vergleichsmaßstäbe" für unterschiedlicher Volkswirtschaften dürften sie aber nicht missverstanden werden, mahnen die Ökonomen.

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