Ökonomen warnen vor Konjunktur-Euphorie
Das sind die Risiken für die deutsche Wirtschaft

Die Prognosen von Forschungsinstituten und IWF sagen: Deutschland bleibt auf Wachstumskurs. Doch Experten warnen: Die glänzende Fassade der deutschen Wirtschaft ist trügerisch. Wie lange hält der Deutschland-Boom?
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BerlinDen einen gilt Deutschland noch immer als starker Mann Europas. Die anderen glauben, dass die Marke „Made in Germany“ der größten Volkswirtschaft Europas wegen des VW-Abgasskandals derart stark gelitten hat, dass der deutschen Wirtschaft eine unsichere Zukunft bevorsteht. So prognostizierte der Internationale Währungsfonds (IWF) am Dienstag mit 1,5 Prozent im laufenden und 1,6 Prozent im nächsten Jahr ein leicht schwächeres Wachstum für Deutschland als bisher.

Düstere Szenarien wollen Experten aber nicht zeichnen – noch nicht. Denn ihrer Einschätzung nach wird die deutsche Wirtschaft angefacht durch niedrige Zinsen noch ein paar Jahre ordentlich wachsen. Allerdings halten sie es auch für falsch, jetzt in Konjunktur-Euphorie zu verfallen. „Es ist eine Illusion zu glauben, es gebe einen Deutschland-Boom“, rückt der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, den Eindruck einer wie geschmiert laufenden Wirtschaft zurecht. Die Volkswirtschaft in Deutschland sei seit dem Jahr 2000 um drei Prozent weniger gewachsen als in Frankreich und 10 Prozent weniger als in Spanien. „Wir erleben zurzeit lediglich einen Aufholprozess dessen, was wir in den 2000er Jahren verpasst haben“, sagte Fratzscher dem Handelsblatt.

Gustav Horn, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), bremst ebenfalls. „Die wirtschaftliche Fassade Deutschlands ist nicht glänzend, aber solide“, sagte Horn dem Handelsblatt. Diese Solidität rühre aus der im Vergleich zu früheren Aufschwüngen stärkeren binnenwirtschaftlichen Dynamik. „Die relativ kräftigen Lohnsteigerungen lassen, unterstützt von der Einführung des Mindestlohns, die Kaufkraft der privaten Haushalte spürbar steigen“, erläuterte der Ökonom. Dies führe zu einer „merklichen Ausweitung des Konsums“.

„Aus diesem Grund“, analysiert Horn weiter, „können die unbestreitbar vorhandenen außenwirtschaftlichen Risiken derzeit noch relativ gut verkraftet werden.“ Ohnehin dürfe nicht übersehen werden, dass die global bedeutsamste Volkswirtschaft USA sich in einem soliden Aufschwung befinde, was die Exporte aus Deutschland trotz der Schwierigkeiten in China beflügle, fügte der IMK-Chef hinzu. Hinzu kämen leichte Erholungstendenzen im Euro-Raum. „Kein Aufschwung ist jedoch sicher“, warnte Horn. „So würde ein Wiederaufflammen der Krise des Euro-Raums auch den Aufschwung in Deutschland schnell wieder zum Erliegen bringen.“ 

Der Chefvolkswirt der DZ Bank führt die aktuelle Robustheit der Wirtschaft darauf zurück, dass Deutschland sich vor Jahren schon einen strukturellen Vorsprung erarbeitet hat, der immer noch trage. „In den letzten Jahren wird dieser Vorsprung aber zunehmend aufgezehrt“, gibt Bielmeier im Gespräch mit dem Handelsblatt zu bedenken. „Insbesondere die letzten Entscheidungen, wie die Einführung des Mindestlohnes, sind sicherlich vom Gefühl der wirtschaftlichen Stärke geprägt worden.“

Auch die kräftigen Lohnsteigerungen in den vergangenen Jahren seien möglich geworden durch die starke wirtschaftliche Entwicklung, sagte Bielmeier weiter. Diese Entwicklungen stärkten zurzeit die Binnenwirtschaft, was sicherlich „eine willkommene Entwicklung“ sei. „Bislang“, so Bielmeier,  „machen sich diese Entwicklungen auch noch nicht negativ bemerkbar, da mögliche negative Auswirkungen kompensiert werden durch die demographische Entwicklung und den noch vorhandenen Wettbewerbsvorteil.“

Kommentare zu " Ökonomen warnen vor Konjunktur-Euphorie: Das sind die Risiken für die deutsche Wirtschaft"

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  • Deutschland hat NUR einige Risiken. Das sind Frühling, Sommer, Herbst und Winter sowie kaum 200 Handelspartner.. das größte Risiko für die Deutsche Wirtschaft ist aber Deutschland selbst, weil sein Binnenmarkt so sehr schwach ist, dass 250 Mrd. Euro Güter als Exportüberschuss das Land verlassen, ohne auch nur ein einziges Bedürfnis der einheimischen Bevölkerung zu befriedigen. Haben das alle Ökonomen verstanden? Na dann ist ja gut!

  • Hm, meine Frage ist, in wie weit Wirtschaftsprognosen überhaupt sinnvoll sind? Gibt es nicht viel zu viele Unsicherheiten und zeigt die Vergangenheit nicht, dass es sich mit Prognosen wie mit Wettervorhersagen verhält? Je weiter in die Zukunft, desto geringer die Trefferquote?

    Wir führen genau dazu aktuelle leine Umfrage durch und ich lade Sie herzlich ein, teilzunehmen. Unsere Studie erkundet, in wieweit Wirtschaftsprognosen (Ifo-Institut, DIW, IfW, Sachverständigenrat etc.) die beruflichen und die privaten Entscheidungen in Deutschland beeinflussen und als wie zuverlässig sie eingeschätzt werden. http://www.scopar.de/news-termine/detail/studie-wirtschaftsprognosen/ Im Rahmen eines Hochschulprojekts werden parallel die Trefferquoten der letzten 10 Jahre eruiert.. mal sehen, was dabei rauskommt..

    Und zum Thema Innovation: Innovation ist eine Führungsaufgabe – so schreibt Prof. Günther H. Schust und skizziert sechs Maßnahmen und Tipps für mehr Innovationskraft im Unternehmen: http://www.scopar.de/news-termine/detail/schust-innovation-fuehrung/

    Voraussetzung ist jedoch, dass die Menschen endlich als der kritische Erfolgsfaktor in Deutschland gesehen werden: http://www.amazon.de/Kaleidoskop-Scherben-Ein-ungewöhnlicher-Wirtschaftsthriller/dp/3981656504

  • Der Forist Meier schrieb: Deutschland hat sich schon vor Jahrzehnten dazu entschieden sich technologisch nicht mehr weiter zu entwickeln.
    Das ist leider richtig und das ist das Hauptproblem. Wenn man in die Abschlußjahrgänge der Gymnasien hineingehört, wollen viel zu wenige technische oder naturwissenschaftliche Fachrichtungen studieren. Da liegt das Problem. Nur unser Ingenieurgeist sichert uns den aktuellen Wohlstand. Wenn wir so weitermachen, dann landen wir 2030 auf einer Stufe mit Portugal. Das ist ein sehr schönes Land, aber eben mit weitaus geringerem Wohlstand. Ob das dann wirklich schlecht ist, lassen wir mal offen. Wenn wir bis dahin endlich die von der Politik versprochene Erderwärmung haben, liegen wir ja unter Palmen.

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