Putschversuch in der Türkei
Ausbleibende Touristen bremsen türkische Wirtschaft

Die Unsicherheit in der Türkei sorgt für einen drastischen Einbruch des Tourismus. Das schlägt auch auf die Wirtschaft durch. In Berlin mahnt Angela Merkel derweil zu mehr Verhältnismäßigkeit im Kampf gegen die Putschisten.

Istanbul, BerlinDer Putschversuch und die Repressionen gegen Tausende mutmaßliche Gegner von Präsident Recep Tayyip Erdogan verstärken den Abwärtstrend der türkischen Wirtschaft. Die Buchungen für die Hochsaison seien um fünf Prozent eingebrochen, teilte der Reisekonzern Thomas Cook am Donnerstag mit. Die Chancen auf eine baldige Erholung des für die Türkei wichtigen Tourismus sei gering. Die Welle der Suspendierungen, Kündigungen, Festnahmen und Anklagen erfasste auch das Außenministerium, 88 Diplomaten wurden aus ihren Posten entfernt. Noch am Donnerstag wollte der höchste Militärrat weitere Maßnahmen beschließen, nachdem bereits über 10.000 Soldaten verhaftet worden waren.

In Berlin mahnte Bundeskanzlerin Angela Merkel, bei aller Berechtigung, gegen die Putschisten vorzugehen, müsse dabei die Verhältnismäßigkeit gewahrt werden. Die Türkei forderte dagegen die Auslieferung mutmaßlicher Anhänger des Predigers Fethullah Gülen, die nach Deutschland geflohen sein sollen. Erdogan hält Gülen für den Drahtzieher des Putsches am 15. Juli, was der bestreitet.

Der Touristikkonzern Cook, in Deutschland durch die Marken „Neckermann“ und „Öger“ bekannt, korrigierte mit Blick auf die jüngsten Ereignisse in der Türkei seine Gewinnerwartungen bis September von knapp 400 Millionen Euro auf 357 Millionen Euro nach unten. Wegen der angespannten Sicherheitslage hatten bereits vor dem Umsturzversuch immer mehr Urlauber einen Bogen um die Türkei gemacht: Im Juni kamen nach Angaben des Tourismusministeriums fast 41 Prozent weniger Besucher aus dem Ausland als im Vorjahreszeitraum. Trotzdem gab sich Vize-Ministerpräsident Nurettin Canikli zuversichtlich. Der Putschversuch werde keinen bleibenden Schaden in der Wirtschaft hinterlassen, sagte er dem Sender A Haber.

Die Regierung im Ankara versuchte auch, den Druck auf den in den USA lebenden Gülen zu erhöhen. Justizminister Bekir Bozdag sagte dem TV-Sender Habertürk, es gebe Geheimdienstinformationen, dass Gülen versuchen könnte zu flüchten. Demnach seien Australien, Mexiko, Kanada, Südafrika oder Ägypten als mögliche Zufluchtsländer im Gespräch. Die Türkei verlangt die Ausweisung des einstigen Weggefährten Erdogans. Die USA fordern stichhaltige Beweise für die Vorwürfe gegen Gülen. Außenminister Mevlüt Cavusoglu sagte dem Sender CNN Türk, er sehe einen positiven Wandel in der Haltung der USA, ohne konkreter zu werden.

Auch von der deutschen Regierung verlangte Cavusoglu die Auslieferung „einiger“ Staatsanwälte. Diese stünden in Verbindung mit Gülen. Bereits seit Tagen verlangt die Türkei von Griechenland die Auslieferung von acht Soldaten, die mit einem Hubschrauber ins Nachbarland geflohen waren.

In einem Rechtsstaat gelte das Prinzip der Verhältnismäßigkeit, sagte Merkel. „Die Sorge besteht, dass hier doch sehr hart vorgegangen wird und dieses Prinzip der Verhältnismäßigkeit vielleicht nicht immer im Zentrum steht.“ Sie verfolge die Entwicklung sehr intensiv, erklärte Merkel. Starke Bedenken äußerten auch Richter aus ganz Europa. Das Netzwerk der Präsidenten der Obersten Gerichtshöfe der Europäischen Union wertete die Entlassung und Verhaftung Tausender Richter als Angriff auf die Unabhängigkeit der Justiz.

Zwei Vier-Sterne-Generäle kamen möglicherweise den Maßnahmen des Höchsten Militärrats zuvor und traten nach einem Bericht von CNN Türk zurück. „Die Armee muss aufhören damit, die Armee der terroristischen Organisation Fethullah Gülen zu sein“, sagte Bozdag. Erst am Vortag hatten die Streitkräfte fast 1700 Soldaten unehrenhaft entlassen, darunter 149 Generäle und Admiräle. Das entspricht Militär-Statistiken zufolge etwa 40 Prozent der türkischen Generalität. Insgesamt sind nach amtlichen Angaben bisher über 15.000 Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereich festgenommen worden. Nach Angaben Cavusoglus sollen über 300 Mitarbeiter des Außenministeriums in Verbindung mit dem Gülen-Netzwerk stehen.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur
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