Reaktionen auf Not-Zinssenkung
Zu spät?

Eine Not-Zinssenkung der amerikanischen Notenbank hat den Ausverkauf an den Börsen zwar gebremst, aber nicht stoppen können. An den Finanzmärkten grassieren weiterhin Rezessionsängste. Nach Meinung vieler Händler und Ökonomen kommt die Rettungsaktion der Federal Reserve zu spät.

tor/doh/noh NEW YORK. Nach den Großbanken Goldman Sachs, Morgan Stanley und Merrill Lynch erwartet nun auch die Schweizer UBS eine Wirtschaftskrise in Amerika. Die Fed hatte den Leitzins drastisch um 0,75 Prozentpunkte auf nunmehr 3,5 Prozent gedrückt. Es war die erste Zinssenkung außerhalb ihrer regulären Sitzungen seit den Terroranschlägen im Jahre 2001.

Die US-Notenbank begründete ihr Eingreifen mit einer "Verschlechterung der wirtschaftlichen Aussichten und wachsende Risiken für das Wachstum". Obwohl sich die Situation auf den Geldmärkten etwas entspannt habe, stünden die Finanzmärkte insgesamt noch unter Stress. "Die Kreditvergabe an Haushalte und Unternehmen ist restriktiver", schreiben die Notenbanker. Außerdem wiesen die Konjunktursignale darauf hin, dass sich die Lage auf dem Immobilienmarkt weiter zuspitze und auch der Arbeitsmarkt erst Schwächen zeige. Die Entscheidung fiel nicht einstimmig. William Poole, Notenbank aus St. Louis, hielt die Notmaßnahme für überflüssig.

Auch die Regierung in Washington wird zunehmend unruhiger. US-Präsident Bush ließ verlauten, dass sein Konjunkturprogramm ein größeres Volumen als die bislang geplanten 150 Mrd. Dollar haben könnte. Finanzminister Henry Paulson begrüßte die Zinssenkung der Fed und forderte den Kongress auf, jetzt schnell die Finanzhilfen für die Wirtschaft auf den Weg zu bringen.

Nicht überall herrscht jedoch Panik. Vertreter der Europäischen Zentralbank (EZB) machten im Gegensatz zur Fed deutlich, dass sie keinen Grund zum Eingreifen sehen. Portugals Notenbankgouverneur und EZB -Ratsmitglied Vitor Constancio sagte in Lissabon, es sei nicht die Aufgabe der Geldpolitik, auf die Lage an den Aktienmärkten zu reagieren. Derzeit seien Übertreibungen zu beobachten. Bundesbankchef Axel Weber sprach von einem schmerzhaften, aber notwendigen Anpassungsprozess an den Märkten.

Wie lange die EZB allerdings noch standhaft bleiben kann, ist unsicher. Zumal die Märkte in den USA bereits eine weitere Zinssenkung von einem halben Prozentpunkt bei der regulären Fed-Sitzung nächste Woche eingepreist haben. Volkswirte von Barclays Capital haben die sechs letzten Phasen ausgeprägter Aktienschwäche in Europa analysiert. Dabei haben sie festgestellt, dass den Börsenkorrekturen in drei Fällen ausgewachsenen Rezessionen und in zwei Fällen Beinahe-Rezessionen gefolgt sind. "Die Wahrscheinlichkeit für Zinssenkungen durch die EZB ist durch die Kursverluste an den Aktienmärkten beträchtlich gestiegen", folgert Julian Callow, Europa-Chefvolkswirt der Investmentbank.

Seite 1:

Zu spät?

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%