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"Schreckensszenario": Finanzwelt macht Front gegen den IWF

Nicht nur Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hat auf der Handelsblatt-Tagung den Internationalen Währungsfonds kritisiert. Auch ein Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank hat den IWF angegriffen.

FrankfurtEuropas Finanzbranche und Notenbanker gehen auf Konfrontationskurs zum Internationalen Währungsfonds. Hintergrund sind Berechnungen des IWF, wonach europäische Banken wegen ihres Staatsanleihe-Risikos hohe Abschreibungen vornehmen müssten. „Die seit einigen Tagen kursierenden IWF-Schätzungen zu einem möglicherweise hohen Abschreibungsbedarf europäischer Banken empfinde ich als äußerst unglücklich“, sagte Dombret auf der Handelsblatt-Tagung "Banken im Umbruch".

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Auch der designierte Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, hält die Warnungen des Fonds vor einem riesigen Kapitalloch bei den europäischen Banken für übertrieben. Diese Annahme sei so nicht richtig, sagte Draghi auf einer Konferenz in Paris. Viele Institute hätten vielmehr erfolgreich ihre Kapitaldecke gestärkt, fügte der italienische Notenbankchef hinzu.

Der IWF hat laut einem Medienbericht ausgerechnet, dass die Banken 200 Milliarden Euro abschreiben müssten, wenn sie alle ihre Staatsanleihen auf deren Marktwert abschreiben würden. Diese Berechnungen sollen Eingang in den nächsten Finanzstabilitätsbericht des IWF finden, ein Entwurf dieser Passage sickerte vor wenigen Tagen durch. Außerdem hatte jüngst IWF-Chefin Christine Lagarde für Aufregung gesorgt, als sie forderte, die europäischen Banken notfalls zwangszukapitalisieren.

Klagewelle Auf welchen Milliarden-Risiken die Banken sitzen

  • Klagewelle: Auf welchen Milliarden-Risiken die Banken sitzen
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„Solche Simulationen, auch wenn sie erst im Entwurfstadium sind, schaden meines Erachtens mehr als sie nützen. Und bei diesem Schreckensszenario kann der IWF die deutschen Banken eigentlich nicht im Sinn gehabt haben“, sagte Dombret.

Auf der Tagung hatte auch Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann den Vorstoß kritisiert. Die Vorschläge seien wenig hilfreich - „und im Übrigen in der Sache nicht gerechtfertigt“, sagte der Manager. Es sei eine Binsenweisheit, „dass es zahlreiche europäische Banken nicht verkraften würden, müssten sie im Bankbuch gehaltenen Staatsanleihen auf Marktwerte abschreiben“, sagte Ackermann. Aus diesem Grund seien Hilfspakte für Euro-Schuldenstaaten vereinbart worden. Es würde die Glaubwürdigkeit dieser Maßnahmen unterminieren, „würde die Politik nun durch eine Zwangskapitalisierung selbst das Signal senden, dass sie an den Erfolg der Maßnahmen nicht glaubt“. Zudem würden die Schulden der betroffenen Länder weiter steigen.

Auch der Vorstandschef der DZ Bank, Wolfgang Kirsch, kritisierte den IWF. Solche Aussagen würden implizieren, dass der IWF mit Zahlungsausfällen bei Staaten rechnen würde. "Das ist ein Angriff auf das Geschäftsmodell der Banken", sagte Kirsch. Als Privat- oder Firmenkunde könnte man sich dann ja am Ende auch überlegen, eine "etwas flexiblere Haltung" zu dem Thema einzunehmen, warnte er.

  • 05.09.2011, 19:52 Uhrazaziel

    Viele Kommentatoren wussten dies schon sehr lange, aber hier wird es bemerkenswerterweise sehr deutlich ausgesprochen: „dass es zahlreiche europäische Banken nicht verkraften würden, müssten sie im Bankbuch gehaltenen Staatsanleihen auf Marktwerte abschreiben“, sagte Ackermann. „Aus diesem Grund seien Hilfspakte für Euro-Schuldenstaaten vereinbart worden“. Insbesondere dieser letzte Satz hat es in sich. Wir haben naemlich mehr die franzoesischen Banken gerettet, als die deutschen, wie aus den Statistiken der BIZ (Bank fuer Internationalen Zahlungsausgleich) hervorgeht (vgl. Maerz 2010 und Dezember 2010). Eine direkte Rettung deutscher Banken etwa nach dem HRE oder Commerzbank Modell waere fuer den deustchen Steuerzahler wesentlich billiger gewesen. Diese Zusammenhaenge nicht zu verstehen ist die grosse Tragik von Merkel, Schaeuble und Konsorten. Sie liessen sich immer und immer wieder von den Franzosen ueber den Tisch ziehen. Und Griechenland, Europa oder den Euro haben sie damit nicht gerettet.

  • 05.09.2011, 18:04 UhrBlickensdoerfer

    Bemerkenswert, was Ackermann auf dieser Tagung gesagt haben soll:
    1.Dass im Bankbuch gehaltene Staatsanleihen auf Marktwerte abgeschrieben werden müssten. (Deshalb auch die Angst der Chr. Lagarde, die vom IWF ausgegebenen Kredit, Bürgschaften könnten zu Verlusten der IWF-Eigner führen, was wiederum Zweifel an ihren Fähigkeiten hervorrufen würde)
    2.Die Finanzindustrie muss Diener der Realwirtschaft sein. Wenn er nun noch richtig aus der Selbskritik der Nobelpreisträger (Lindauer Konferenz)schlußfolgerte, müsste er nicht nur zwischen Finanzindustrie und Wirtschaft unterscheiden und demzufolge auch zwischen Geldpolitik einerseits und Produktion und Handel mit Geldware andererseits, sondern auch die Beseitigung der falschen Dinge im "analytischen Rahmenwerk", in SNA und ESVG 95 "für Politik und Analyse" fordern. (http://diskussion.erkenntniswiderspruch.de)
    Dann ein neuer Ackermann.

  • 05.09.2011, 17:16 UhrWolf

    Es erscheint mir äusserst zweifelhaft was der IWF so von sich gibt, da es sich hier rein um den europäischen Teil den weltweiten Bankensystems handelt. Was ist denn mit den anderen weltweiten Teilen Teilen des Bankensystems ? Gibt es hier keine Anpassungsanforderungen ? Denken wir einmal an das amerikanische Bankensystem - nur um ein Gegengewicht zu erzeugen oder auch an das indische und chinesische Bankensystem.
    Vermutlich ist die USA unverhältnismässig stark vertreten, rsp. hat ein ungleich grosses Mitspracherecht betr. der Äusserungen des IWF, ansonsten liesse sich diese einseitige Darstellung ja wohl kaum erklären. Ein unabhängiger IWF hätte das gesamte Bankensystem der Welt angesprochen und zudem auch noch den unregulierten Graumarkt.
    Weitere Äusserungen zu diesem Thema wären äusserst spekulatief - oder noch spekulatiever - da mir das Insiderwissen fehlt, bzw. ich keinen Zugang zu den Überlegungen noch den zugrunde gelegten Daten habe. Also bitte selber denken.

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