Stimmt es, dass...: Versprach Blessing, deutsches Gold in New York zu lassen?

Stimmt es, dass...
Versprach Blessing, deutsches Gold in New York zu lassen?

In der Debatte um die in den USA gelagerten deutschen Goldbestände fällt immer wieder der Begriff des Blessing-Briefes. Versprach der ehemalige Bundesbankpräsident tatsächlich, deutsches Gold in New York zu lassen?

In der Debatte um die in den USA gelagerten großen deutschen Goldbestände fällt immer wieder der Begriff Blessing-Brief. Gemeint ist ein lange der Öffentlichkeit nicht zugänglicher Brief des ehemaligen Bundesbankpräsidenten Karl Blessing - Großvater des heutigen Commerzbank-Vorstandschefs - an seinen US-Kollegen William Martin aus dem Jahr 1967.

Es wird kolportiert, dass Blessing darin versprochen habe, das Bundesbank-Gold dauerhaft nicht aus den USA abzuziehen. Das trifft nicht ganz zu, wie sich dem inzwischen im Internet verfügbaren Brief entnehmen lässt. Aber es fehlt auch nicht viel zu so einem Versprechen.

Blessing geht in dem Brief auf Sorgen der Amerikaner ein, Deutschland könne die Ausgaben der in Deutschland stationierten US-Truppen in Gold umtauschen und so die amerikanischen Goldreserven plündern. In devotem Ton weist Blessing darauf hin, dass Deutschland im Gegenzug zu den US-Ausgaben in den USA Rüstungsgüter kaufe, dass Deutschland keine Dollars in Gold umgetauscht habe, und verspricht dies auch in Zukunft nicht zu tun.

Das damals noch gültige Bretton-Woods-Abkommen sah eine komplette Golddeckung der Dollars vor, die die Amerikaner international in Umlauf brachten. Sie versprachen, zu 35 Dollar je Feinunze jeder Notenbank jederzeit Dollars in Gold umzutauschen. Für die USA war es eine große Sorge, dass Deutschland das tun könnte. Denn aus dem chronischen Handelsbilanzüberschuss der USA in der ersten Nachkriegszeit war aufgrund von Aufrüstung und Vietnamkrieg ein hohes Defizit geworden.

Es war absehbar, dass die Goldreserven bald aufgebraucht und die Golddeckung des Dollars nicht mehr glaubwürdig sein würden, wenn massenhaft von dem Umtauschrecht Gebrauch gemacht würde. Gegenüber Deutschland hatten die USA als Schutzmacht ein probates Druckmittel. Frankreich dagegen verweigerte sich dem Druck.

Charles de Gaulle tauschte ab 1967 seine Dollars immer sofort in Gold um und holte sein Gold aus den USA nach Paris. Damit trug er maßgeblich dazu bei, dass Richard Nixon vier Jahre später sein Versprechen der Goldeinlösung aufkündigte. In den folgenden neun Jahren stieg der Goldpreis in Dollar auf das 24-Fache.

Der Blessing-Brief zeigt, dass für Deutschland die Eintauschbarkeit von Dollars in Gold schon lange vor 1971 nur noch auf dem Papier gestanden hatte. Das französische Gebaren zeigt, dass der Umtausch von Dollars in Gold und die Verwahrung des Goldes im eigenen Land als zusammengehörig betrachtet wurden.

Blessings Brief versprach ausdrücklich nur den Verzicht auf Ersteres. Ob das Versprechen, das Gold in den USA zu lassen, im Verzicht auf den Umtausch enthalten war, ob es anderweitig gegeben wurde oder wegen Selbstverständlichkeit gar nicht nötig war, das bleibt Spekulation.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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