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Tarifpolitik: Konjunkturboom erreicht die Konten der Arbeitnehmer

Für die Unternehmen hat der steile Aufschwung nach der Krise seinen Gipfel schon überschritten. Anders geht es jedoch den Arbeitnehmern: Auf ihren Lohnkonten kommt der XL-Aufschwung gerade erst richtig an.

Shoppingtour in Regensburg: Der Aufschwung kommt auch auf den Lohnkonten an. Quelle: dpa
Shoppingtour in Regensburg: Der Aufschwung kommt auch auf den Lohnkonten an. Quelle: dpa

BerlinEin durchschnittlicher Arbeitnehmer bekam von April bis Juni beachtliche 4,1 Prozent mehr Bruttolohn oder -gehalt als im entsprechenden Zeitraum des Jahres 2010. Noch imposanter sind die Zuwächse in den Kernbereichen der Industrie: Arbeitnehmer des verarbeitenden Gewerbes verdienten im zweiten Quartal 2011 durchschnittlich sogar 7,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Das zeigen die gestern vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Detaildaten zur Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal.

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Mehr Zuschläge, mehr Überstunden.
"Der Aufschwung kommt nun eindeutig auch bei den Arbeitnehmern an", kommentierte Hagen Lesch, Lohnexperte am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW), die Daten. Angesichts der mittlerweile wieder etwas abflauenden Preissteigerungen bleibe ihnen damit auch real, also nach Abzug der Teuerung, ein ordentliches Plus. Die Inflationsrate hatte sich in den vergangenen Monaten im Bereich von 2,3 bis 2,4 Prozent bewegt.
Hinter dem positiven Lohntrend stehen zum einen die seit Jahresbeginn wieder deutlich höheren Tarifabschlüsse in einer Reihe von Branchen.

Zum anderen tragen auch höhere Sonderzahlungen und eine zunehmende Zahl zuschlagspflichtiger Überstunden zu der Entwicklung bei. Ähnlich wirkt sich der Ausstieg der Betriebe aus der vor Jahresfrist noch recht weit verbreiteten Kurzarbeit aus, die in der Regel mit Lohneinbußen verbunden war. Von den 420.000 Kurzarbeitern zur Jahresmitte 2010 kehrten nach den Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) bis Mitte 2011 per saldo 300.000 zur Normalbeschäftigung zurück.

Europa-Konjunktur

Dass die Beschäftigten nun wieder länger arbeiten, macht jedoch nur den kleineren Teil der kräftigen Zuwächse auf der Lohnabrechnung aus. Das zeigt sich, wenn man zum Vergleich die Lohnentwicklung pro Arbeitsstunde misst und damit den Arbeitszeiteffekt ausschaltet: Auch die rechnerischen Stundenlöhne lagen im zweiten Quartal im gesamtwirtschaftlichen Schnitt um immerhin 3,8 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Und im verarbeitenden Gewerbe stiegen die Bruttovergütungen je Stunde um 4,9 Prozent an. Noch im ersten Quartal hatte es hier nur ein Plus von 0,7 Prozent gegeben.

Diese kräftige Steigerung der Bruttolöhne deutet an, dass die jüngsten Tarifabschlüsse den lohnpolitischen Spielraum zumindest kurzfristig noch nicht überdehnt haben. Vielmehr eilen die tatsächlich gezahlten Löhne derzeit offensichtlich den vereinbarten Tariferhöhungen voraus.

Neuer Schub durch Personalmangel
Die bislang kräftigste Tariferhöhung dieses Jahres setzte im März die Gewerkschaft IG BCE in der chemischen Industrie durch: plus 4,1 Prozent für das Jahr 2011. Für die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie gab es im Frühjahr, auf Basis des Tarifabschlusses von 2010, eine Erhöhung um 2,7 Prozent. Andere Branchen wie das Baugewerbe, der Handel und das Gebäudereinigerhandwerk erzielten in den vergangenen Wochen Abschlüsse mit Tariferhöhungen im Bereich von 3,0 bis 3,4 Prozent für dieses Jahr.

Die Tariferhöhungen werden auch dann noch greifen, wenn in nächster Zeit die Geschäfte der Unternehmen und die Konjunktur insgesamt nicht mehr so stürmisch laufen wie bisher. Nach Einschätzung von IW-Forscher Lesch stehen die Zeichen für die große Mehrheit der Arbeitnehmer dennoch günstig, dass der positive Lohntrend so schnell nicht wieder kippt.

"Zwar sehen die jüngsten Tarifabschlüsse schon etwas geringere Steigerungen für das Jahr 2012 vor", sagt Lesch. "Doch während die bisherigen Zuwächse vor allem vom Konjunkturaufschwung getragen waren, könnte sich künftig zunehmend stärker der Einfluss der Fachkräfteknappheit auf die Lohnentwicklung bemerkbar machen."

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