Teils kräftige Zinssenkung erwartet: Hoffnungen ruhen auf den Notenbanken

Teils kräftige Zinssenkung erwartet
Hoffnungen ruhen auf den Notenbanken

Die amerikanische Notenbank Fed zögert nicht, wenn es an den Finanzmärkten kriselt. Notenbankchef Ben Bernanke hat diese Erwartungen erst vor kurzem geschürt. Entsprechend setzen die Finanzmärkte darauf, dass die Federal Reserve der Wirtschaft und damit indirekt den Aktionären mit schnellen und sehr kräftigen Zinssenkungen beispringen wird. Auch bei der EZB erwarten Ökonomen ein Umdenken.

FRANKFURT. Mindestens ein halber Punkt Leitzinssenkung auf 3,75 Prozent bei der nächsten Zinsentscheidung am 30. Januar gilt als sicher. Aus den Kursen von Zinstermingeschäften lässt sich sogar ablesen, dass eine noch stärkere Zinssenkung bis Ende Januar auf 3,5 oder gar 3,25 Prozent für wahrscheinlich gehalten wird. Schon Ende April könnte der US-Leitzins 3,0 Prozent erreicht oder unterschritten haben, um dann bis Oktober auf 2,5 Prozent oder noch darunter zu fallen.

Hatten Analysten und Notenbanker in Europa lange Zeit die Erwartung gehegt, dass die Konjunkturprobleme in Amerika Europa weitgehend verschonen würden, dreht sich nun der Wind. Die Abkoppelungsthese verliert täglich Anhänger, seit sich die Finanzmärkte diesseits und jenseits des Atlantiks so eindrucksvoll im Tandem bewegen – die Aktienkurse nach unten, die Anleihenkurse nach oben.

Noch am 10. Januar hatte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) die Öffentlichkeit zu überzeugen versucht, dass die Konjunkturperspektiven sehr gut seien und die Notenbank wegen möglicher Inflationsgefahren über eine Zinserhöhung nachdenken müsse. Da hatten die Märkte schon begonnen, eine EZB-Zinssenkung im Herbst einzupreisen. Seit der letzten Woche ist die Zinserhöhungsrhetorik Schnee von gestern.

Zuerst sorgte der luxemburgische Notenbankpräsident Yves Mersch für Aufsehen, als er ankündigte, die EZB könnte bald wieder ihre Wachstumsprognose für 2008 nach unten revidieren, die sie erst im Dezember auf 2,0 Prozent gesenkt hatte. Trichet dementierte zwar kurz darauf, doch am letzten Freitag legten andere Notenbanker nach. Der französische Notenbankpräsident Christian Noyer äußerte sich ähnlich wie Mersch, und sein niederländischer Kollege Nout Wellink wurde noch deutlicher: „Es ist nicht zu leugnen, dass das, was in den USA passiert, sich auch auf den Rest der Welt auswirken wird.“ Nach den jüngsten Entwicklungen sehe er das Wachstum eher bei 1,5 Prozent als bei 2,5 Prozent in der Euro-Zone.

Die Volkswirte der Hypo-Vereinsbank kommentierten diese Äußerungen als Wendesignale: „Wir sehen darin ein weiteres Zeichen, dass eine Zinserhöhung vom Tisch ist und der nächste Zinsschritt nach unten geht“, schrieben sie in einer Studie. Auch die Märkte verstanden die Botschaften so. Inzwischen gelten den Zinstermingeschäften zufolge zwei Zinssenkungen durch die EZB als wahrscheinlich, die erste davon bereits im Juni. EZB-Direktoriumsmitglied Jürgen Stark, der gestern in einem Bloomberg-Interview die alte Sprachregelung verwendete, wonach vor allem Inflationsgefahren im Fokus der EZB stehen, fand in diesem Umfeld kein Gehör.

Träfen die Zinserwartungen des Marktes ein, wäre die EZB erneut, wie schon nach dem Platzen der New-Economy-Blase, sehr viel zurückhaltender in ihrer Reaktion auf die Finanzmarktturbulenzen und die davon ausgehenden Gefahren für die Konjunktur als die Federal Reserve. Ab 2001 hatte die Federal Reserve relativ schnell ihren Leitzins um über vier Prozentpunkte auf ein Prozent gesenkt. Die EZB hatte den Senkungszyklus mit vier Monaten Verzögerung begonnen und ihren Leitzins nur um 2,75 Prozentpunkte auf zwei Prozent gesenkt.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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