
Unmittelbare Inflationsgefahr ist nicht der Grund, warum fast alle Experten eine Zinserhöhung für nötig halten. Vielmehr gehen sie davon aus, dass das kräftige Wirtschaftswachstum und die Verbesserung der Arbeitsmarktlage mit einer gewissen Verzögerung eine Inflationsdynamik in Gang setzen könnte, die einmal in Gang gekommen, schwer zu stoppen wäre. Damit dies nicht eintritt, sei es nötig, frühzeitig gegenzusteuern und das als noch recht niedrig eingeschätzte Zinsniveau zu „normalisieren“, argumentieren die Volkswirte.
Bereits jetzt ist ein gutes Drittel der Schattenräte davon überzeugt, dass weitere Zinsanhebungen über vier Prozent hinaus notwendig sein werden, wenn es keine größeren Überraschungen bei der Entwicklung der Konjunktur oder der Finanzmärkte gibt. Nur wenige sagten hingegen, dass der Zinsschritt auf vier Prozent aus heutiger Sicht der vorerst letzte im laufenden Konjunkturzyklus sein sollte.
Die einsame Gegenstimme zur Schattenratsempfehlung kam von Joachim Fels, Chef-Rentenanalyst der Investmentbank Morgan Stanley in London. Der Ökonom warnt davor, die gute Wirtschaftsentwicklung der jüngeren Vergangenheit einfach in die Zukunft fortzuschreiben. Er erwartet in der zweiten Jahreshälfte eine deutliche Wachstumsabschwächung, herbeigeführt von der zeitverzögerten Bremswirkung der bisherigen Zinserhöhungen und des gestiegenen Euro-Kurses, der den Exporteueren das Leben schwerer macht.
Einigen der Experten teilten zwar im Prinzip die Einschätzung von Fels, dass von höheren Zinsen Risiken für den Aufschwung ausgehen, sahen aber noch nicht hinreichend deutliche Indizien für eine bevorstehende Wachstumsabschwächung, um der EZB allein mit Blick auf dieses Risiko den Verzicht auf eine Zinserhöhung zu empfehlen.