
NEW YORK. Unterschiedlicher könnten die Eindrücke nicht sein. Auf der einen Seite ein überaus gut gelaunter Axel Weber. „Die deutsche Wirtschaft hat im zweiten Quartal eine brillante Entwicklung hingelegt. Und die Arbeitslosigkeit ist zum ersten Mal seit langer Zeit niedriger als in den USA“, verkündet der Bundesbankpräsident. Ungewohnt locker – in offenem Hemd – preist er selbstbewusst die größte Volkswirtschaft Europas. Eine neuerliche Rezession sei kein Thema.
Auf der anderen Seite Ben Bernanke: Auch er tritt leger in Jeans auf. Doch seine Miene ist ernst. So ernst wie die Botschaft, die er zu verkünden hat. „Wir sind bereit, wenn nötig, zusätzliche Unterstützung über unkonventionelle Maßnahmen zu geben, vor allem dann, wenn sich die Wirtschaftsaussichten signifikant eintrüben sollten“, sagte Bernanke.
Verkehrte Welt in Jackson Hole – jenem Wintersportort im US-Bundesstaat Wyoming, an dem sich am Wochenende wie jedes Jahr die mächtigsten Notenbanker der Welt trafen, um über die geldpolitischen Strategien zu sprechen. Die sonst in den USA als solide, aber behäbig und wirtschaftspolitisch altbacken verschrienen Deutschen stehlen den amerikanischen Selbstvermarktungsprofis die Show.
Während der Bundesbankpräsident sich im deutschen Erfolg sonnt, kämpft der Chef der US-Notenbank gegen die Angst der Amerikaner vor einem Rückfall in die Rezession. „Die Geschwindigkeit der Erholung hat etwas nachgelassen. Aber es ist vernünftig anzunehmen, dass das Wachstum 2011 zulegen wird“, formuliert er gewohnt akademisch – ausgerechnet an dem Tag, an dem die US-Regierung das Wachstum für das zweite Quartal von 2,4 auf 1,6 Prozent zusammenfaltet.
Bernanke hat ein Problem. Zwar hat sich die US-Wirtschaft im vergangenen Winter mit beachtlichen Wachstumsraten von zeitweise fünf Prozent aus der schwersten Rezession der Großen Depression verabschiedet. Aber seit die Wirkung des rund 800 Mrd. Dollar schweren Konjunkturprogramms der US-Regierung nachlässt, schwächelt die Wirtschaft. „Im dritten Quartal wird das Wachstum eher nahe null als nahe einem Prozent liegen. Die Wahrscheinlichkeit einer neuerlichen Rezession liegt jetzt bei 40 Prozent“, verkündete der New Yorker Wirtschaftsprofessor Nouriel Roubini kürzlich.
Bernanke steht unter Druck. Nicht nur die US-Wirtschaft bereitet ihm Sorgen. Auch seine Kollegen hinterfragen mittlerweile seine Strategie im Kampf gegen die Krise. Vor allem Tom Hoenig, Chef der Fed-Filiale von Kansas City und Veranstalter des Treffens von Jackson Hole, warnt davor, dass die Fed eine Inflation entfachen könnte. Nur mit Mühe konnte Bernanke die Kritiker Anfang August davon überzeugen, die 1,5 Billionen Dollar schweren Konjunkturstützungsmaßnahmen der Notenbank zumindest nicht abschmelzen zu lassen. Für dieses Geld hatte die Fed Anleihen und Hypotheken gekauft. Werden die jetzt fällig, will die Fed das Geld in den Kauf von Staatsanleihen reinvestieren und damit die Kapitalmarktzinsen niedrig halten. Nur wenn die Lage noch schlimmer wird, so Bernankes Kalkül, werden ihm seine Kritiker folgen und weiteren Schritten zustimmen.
Wie hilflos Bernanke derzeit ist, zeigt auch sein Hinweis, die Notenbanker könnten die Probleme nicht allein lösen. Doch die Regierung, an die sich der Appell richtet, ist derzeit vor allem mit den Parlamentswahlen im November und gegenseitigen Schuldzuweisungen für die Miesere beschäftigt.