HB ZÜRICH. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) erhöhte sich von April bis Juni im Vergleich zum Vorquartal um 0,9 Prozent, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) am Donnerstag mitteilte. In den beiden Quartalen davor hatte das sogenannte Verlaufswachstum 1,0 Prozent und 0,7 Prozent betragen. Im Jahresvergleich ergab sich rein rechnerisch ein regelrechter Sprung. Das Wachstum im zweiten Quartal 2010 lag demnach um 3,4 Prozent über dem des zweiten Quartals 2009.
Damals war der Tiefpunkt der Rezession erreicht, in die die Schweiz im Sog der Finanzkrise gerutscht war. Die Regierung könnte ihre Wachstumsprognose angesichts der starken Zahlen in der ersten Jahreshälfte anheben, sagte Seco-Ökonom Bruno Parnisari zu Reuters. "Sie ist zu konservativ. Dieses erste Halbjahr spricht für eine Erhöhung der Prognosen." Derzeit geht die Expertengruppe des Bundes von 1,8 Prozent Wachstum in diesem Jahr und zwei Prozent Plus 2011 aus.
Als eigentliche Konjunkturstütze erwiesen sich die Ausrüstungsinvestitionen mit einem Plus von 2,8 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Auch die Bauinvestitionen zogen um 1,3 Prozent an. Die Warenexporte hingegen stiegen nach einem dynamischen ersten Quartal nur noch geringfügig um 0,1 Prozent.
Einen dämpfenden Effekte des starken Frankens gab es laut Parnisari zwar noch nicht. Die markante Aufwertung der Schweizer Währung gegenüber dem Euro dürfte die Ausfuhren aber in den kommenden zwei bis drei Quartalen beeinträchtigen, sagte der Seco-Ökonom. Am Dienstag war der Euro auf ein Rekordtief unter die Markte von 1,29 Franken gerutscht. Am Donnerstag lag der Kurs bei knapp 1,30 Franken. Ende 2009 war die Gemeinschaftswährung noch rund 1,50 Franken wert gewesen. Die Eurozone ist der wichtigste Abnehmer der Schweizer Exportwirtschaft.
Die Schweizer Wirtschaft stehe unter Volldampf, sagte UBS-Ökonom Reto Huenerwadel. Doch das Wachstum könnte den Höhepunkt erreicht haben. Wegen des wegfallenden Basiseffekts und der sich abkühlenden globalen Konjunktur dürfte es schwieriger werden, künftig vergleichbare Wachstumsraten zu erreichen. Vorausweisende Indikatoren hatten zuletzt bereits darauf hingedeutet, dass der Wachstumshöhepunkt in der Schweiz im zweiten Quartal überschritten wurde. So waren das KOF-Konjunkturbarometer und der Einkaufsmanagerindex (PMI) im August gesunken.
Angesichts der gestiegenen Konjunkturrisiken erwarten Ökonomen, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) an ihrer faktischen Nullzinspolitik festhält. SNB-Präsident Philipp Hildebrand selbst hatte jüngst vor einer verfrühten Zinserhöhung gewarnt. "Wir dürfen nicht zu früh straffen, weil wir dann riskieren, dass die Abschwächungstendenzen überhandnehmen", hatte er in einem Zeitungsinterview gesagt.