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Wirtschaftsforscher: Herbstprognose: „Kein Politiker liest das“

Mitten in die Koalitionsverhandlungen platzen die Wirtschaftsforscher mit ihrem Herbstgutachten. Das Timing ist perfekt – die Chance, gehört zu werden, ist dennoch gering.

Die Gemeinschaftsdiagnose Herbst der führenden Wirtschaftsinstitute. Quelle: dpa
Die Gemeinschaftsdiagnose Herbst der führenden Wirtschaftsinstitute. Quelle: dpa

FRANKFURT. Von „großen Herausforderungen“ ist an diesem kalten Morgen in Berlin oft die Rede. Von „ehrgeizigen Schritten“. Von „Mindestanforderungen“. Die fordernden Worte kommen aus dem Mund von Roland Döhrn, dem Konjunkturchef des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung. Sie kommen hastig, die Aufregung ist groß.

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Zweimal im Jahr sitzt Döhrn mit seinen Kollegen der großen Denkfabriken aufgereiht vor der blauen Wand der Bundespressekonferenz. Einmal im Frühjahr, einmal im Herbst bereitet die Bundeshauptstadt den Herren der Zahlen die prominente Bühne, um ihre Prognosen und Ratschläge zu verkünden. Auch gestern. Doch dieser Auftritt ist ein besonderer: Weil er mitten in die Koalitionsverhandlungen der schwarz-gelben Wahlgewinner fällt – und damit in eine Zeit, in der die wirtschaftspolitischen Weichen für die nächsten Jahre neu gestellt werden.

Die Volkswirte wittern von diesem zeitlichen Zusammenspiel die große Chance, sich mehr Gehör für ihre Vorschläge zu verschaffen. Zwar mache beides „großen Spaß“, verraten sie hinter vorgehaltener Hand – Entscheidungen „auseinanderzunehmen“ wie auch einer neuen Regierung „Ratschläge auf den Weg zu geben“. Letzteres aber, das ist ihnen klar, ist die Gelegenheit, ihr Gutachten ins Gespräch zu bringen. In einer Phase, in der die Koalitionsrunden jede Nachrichtensendung dominieren, schafft es ihr Auftritt live ins Fernsehen.

Auf offene Ohren stießen sie längst nicht immer. Bereits im Vorfeld der Übergabe eines Gutachtens hatte Ex-Bundeswirtschaftsminister Michael Glos den Vertretern der Denkfabriken verraten, was er mit ihrem bis zu hundert Seiten dicken Werk zu tun gedachte: ignorieren. Die Ratschläge von Ökonomen seien zwar „oft sehr gut formuliert und sehr gut gemeint“. Aber, polterte der Franke provokant: „Kein Politiker liest sie.“

Seit Jahrzehnten reden in Deutschland Wirtschaftspolitiker und ihre ökonomischen Berater oft aneinander vorbei. Während politische Entscheidungsträger realitätsferne Maximalforderungen der Wissenschaft beklagen, attestieren ihre akademischen Berater der Politik im Gegenzug einen Hang zum pathologischen Lernen.

Der ohnehin geschwollene Kamm der Politik dürfte durch das Herbstgutachten 2008 noch dicker geworden sein. Mehrere Wochen nach dem Lehman-Schock sahen die Volkswirte, die für ihre Weitsicht bezahlt werden, Deutschland „am Rande einer Rezession“. Auf die Unberechenbarkeit der Krise wiesen sie zwar hin – aber selbst in ihrem Risikoszenario war nur von einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,8 Prozent zu lesen. Dass die heute vorgelegte Prognose von minus fünf Prozent längst als optimistisch gilt, zeigt, wie sehr sie mit ihrer Einschätzung im Dunkeln tappten.

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