Wirtschaftswachstum Aufschwung ohne Ende? Was den Boom beenden könnte

Die deutsche Wirtschaft wächst im achten Jahr in Folge und auch die Prognosen für 2018 stimmen optimistisch. Weder Euro-Krise noch Trump-Wahl haben negative Auswirkungen. Doch nicht überall in Europa sieht es so gut aus.
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In der Rangliste der wettbewerbsfähigsten Standorte der Welt rutschte Deutschland in den vergangenen drei Jahren, vom sechsten auf den 13. Platz ab Quelle: dpa
Wirtschaftswachstum

In der Rangliste der wettbewerbsfähigsten Standorte der Welt rutschte Deutschland in den vergangenen drei Jahren, vom sechsten auf den 13. Platz ab

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BerlinDeutschland brummt: Die Wirtschaft ist 2017 bereits das achte Jahr in Folge gewachsen. 2018 dürfte allen Prognosen zufolge das neunte Wachstumsjahr folgen. Weder die Euro-Krise noch die zwischenzeitliche Flaute der Weltwirtschaft oder der Schock nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten konnten Europas größte Volkswirtschaft bislang aus dem Takt bringen. Kann an der Teflon-Ökonomie etwas haften bleiben, das sie zum Schrumpfen bringt? Experten erwarten dies weder für heute noch morgen, aber warnen vor mittelfristigen Risiken.

Holger Schmieding sieht vor allem externe Gefahren. „Unser Aufschwung wird dereinst wohl durch einen Schock von außen, beispielsweise einer US-Rezession 2020 oder 2021, beendet – und nicht als Folge von einer überhitzten Konjunktur daheim“, sagt der Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Dort dauert der Aufschwung noch länger als hierzulande.

„In den USA ist das Risiko deshalb wesentlich größer als bei uns, dass es zu Übertreibungen bei Krediten, Investitionen, im Wohnungsbau oder bei Immobilienpreisen kommt, die in einer Rezession danach bereinigt werden müssten“, erklärt Schmieding. Damit einhergehen könnte ein starker Inflationsdruck, „den die Zentralbank beantworten müsste, indem sie die Konjunktur abwürgt“ – etwa durch deutlich höhere Zinsen.

Auch Andreas Rees geht davon aus, dass am ehesten die Vereinigten Staaten der hiesigen Konjunktur gefährlich werden könnten. „In den USA könnten Steuersenkungen den Aufschwung im kommenden Jahr neue Impulse verleihen, aber danach könnte er nachlassen“, sagt der Deutschland-Chefvolkswirt der Großbank UniCredit.

„Schließlich stecken die USA im drittlängsten Aufschwung der vergangenen 100 Jahre.“ Geht er zu Ende, könnte auch die Weltwirtschaft langsamer wachsen. Und Deutschland ist als Export-Europameister auf einen florierenden Welthandel angewiesen - besonders mit ihrem wichtigsten Kunden USA. Und trotz des Aufstiegs von China sind die Vereinigten Staaten noch immer der Taktgeber für die Weltwirtschaft: Läuft es in der größten Volkswirtschaft schlecht, spüren das auch andere Länder.

„Hinzu kommt der für 2019 geplante EU-Austritt der Briten“, ergänzt Rees. „Hier kann es zu Unsicherheiten kommen“. Großbritannien ist ebenfalls ein ganz wichtiger Absatzmarkt für die deutschen Exporteure – nach den USA und Frankreich der drittgrößte mit einem Volumen von zuletzt 86 Milliarden Euro im Jahr.

„Großbritannien wächst schon jetzt nicht mehr so stark und wird von der Euro-Zone abgehängt.“ Einigen sich die Briten nicht auf einen geordneten EU-Abschied, drohen Handelshemmnisse, Dämpfer für die Exporte und stockende Investitionen.

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer rechnet eher damit, dass Deutschland durch hausgemachte Probleme vom Weg des Aufschwungs abkommen kann. „Wir haben eine gewisse Selbstzufriedenheit. Unter der glänzenden Oberfläche aber sieht es schon nicht mehr ganz so gut aus.“

In der Rangliste der wettbewerbsfähigsten Standorte der Welt rutschte Deutschland in den vergangenen drei Jahren, vom sechsten auf den 13. Platz ab, wie aus einer Studie der Schweizer Business School IMD hervorgeht. Bei Investitionen in die für die Digitalisierung wichtige Telekommunikation wird sogar ein Platz unter den ersten 50 verfehlt. Arbeit verteuert sich zudem stärker als in der Europäischen Union: 2016 zogen die Arbeitskosten hierzulande um 2,5 Prozent an, in der EU um 1,9 Prozent. „Es gibt eine ganze Reihe von Fehlentwicklungen, die irgendwann zum Tragen kommen werden“, so Krämer.

Das schätzt der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) genauso ein: „Aus Sicht der Unternehmen verliert Deutschland als Wirtschaftsstandort an Wettbewerbsfähigkeit – etwa mit Blick auf die Verkehrsinfrastruktur, die Unternehmensbesteuerung und das Fachkräfteangebot“, klagt Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben.

Die gesamte Steuerlast für Firmen ist von 44 Prozent der Gewinne auf 49 Prozent gestiegen, heißt es in einer Commerzbank-Studie. „Damit liegt Deutschland erheblich über dem EU-Durchschnitt von 40 Prozent.“

Der Sachverständigenrat sieht auch Risiken durch die Europäische Zentralbank. „Infolge der Niedrigzinspolitik sind die Risiken im Finanzsystem weiter angestiegen“, warnt das Expertengremium in seinem Jahresgutachten für die Bundesregierung. „Einerseits besteht die Gefahr überhöhter Vermögenspreise, vor allem im Bereich der Wohnimmobilien und Anleihen. Andererseits haben sich die Zinsänderungsrisiken bei Banken deutlich erhöht, da die Banken Kredite mit längeren Zinsbindungsfristen vergeben und sich gleichzeitig kurzfristiger refinanzieren.“

Im Fall rasch steigender Zinsen fürchten die Wirtschaftsweisen Verwerfungen im Finanzsystem. Wie stark dies deutsche Wirtschaft treffen kann, hat die Finanzkrise 2008/09 gezeigt, die zur stärksten Rezession der Nachkriegszeit führte.

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2 Kommentare zu "Wirtschaftswachstum: Aufschwung ohne Ende? Was den Boom beenden könnte"

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  • Teil 2/2:

    Leider gibt es in den Amtsstuben nicht nur „Engel“ (Zitat: „Aber wir haben nach einer Zitterpartie die Arbeitserlaubnis bekommen“ (…) auf den Ämtern gibt es echte Engel.“).

    Sondern immer auch ein paar Misanthropen, zuweilen mit sadistischen Anflügen.
    Da wird dann – unter Ausschaltung des Gehirns - alles stur und konsequent nach Schema F bzw. nach politbürokratischer „Vorschrift“ durchgezogen (egal, wie lange das dauert).

    Und es kann auch einfach nicht länger sein, dass es – übrigens nicht nur für Flüchtlinge – reine Glückssache ist, ob sie im Bürokratiedschungel an erstere (die „Engel“, siehe das Zitat oben,) oder doch eher an Letztere (wie z.B. die genannten „Berater“, die, statt die jungen Leute zu ermutigen und in die richtige Richtung zu stupsen versuchen, sie mit haarsträubenden Vorspiegelungen von der Lehrstellensuche abzubringen) geraten. Wobei das Gros der im öffentlichen Dienst beschäftigten, genauso wie im „normalen Leben“ auch, vermutlich irgendwo dazwischen anzusiedeln sein dürfte.

    Und dass die (vielen) ermutigenden Beispiele für gelungene Integration, wie sie im Artikel beschrieben werden, oft allein auf dem überdurchschnittlichen Engagement Einzelner (Ausbilder, Lehrer, u.a.m.) beruhen, die selbst aktiv werden, statt sich auf die staatlichen Institutionen zu verlassen (siehe dazu das Zitat des Berufsschullehrers: „Ich habe am Anfang auf eine politische Marschroute gewartet – aber die kam nicht“).

    So „läuft“ es in unserem Lande jedenfalls offensichtlich nicht, wie gerade in letzter Zeit zunehmend deutlich wird. Also muss sich daran dringend etwas ändern.

  • Teil 1/2

    „Kann an der Teflon-Ökonomie etwas haften bleiben, das sie zum Schrumpfen bringt?“

    Durchaus. Zum Beispiel realitätsfremde Politik und ausufernde Bürokratie. Oder Fachkräftemangel (siehe: „Aus Sicht der Unternehmen verliert Deutschland als Wirtschaftsstandort an Wettbewerbsfähigkeit – etwa mit Blick auf die Verkehrsinfrastruktur, die Unternehmensbesteuerung und das Fachkräfteangebot“, klagt DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben“).

    Zum Thema „Fachkräftemangel“ insbesondere im Hinblick auf das Thema „Flüchtlinge“ ist der HB-(Premium)-Artikel vom 27.12.2017 (http://www.handelsblatt.com/my/politik/deutschland/vom-analphabeten-zum-mechatroniker-wie-fluechtlinge-arbeit-finden/20785722.html) mehr als aufschlussreich.

    Gerade weil dort nicht nur die Vorzüge bei einem großen Teil der Flüchtlinge, sondern genauso auch die Defizite bei einem Teil der anderen schonungslos angesprochen werden. Dieser „Klartext“ ist schließlich unbedingte Voraussetzung dafür, dass sich endlich etwas ändern kann.

    Hier ein paar Auszüge daraus:

    „Generell jedoch sei die Motivation der Flüchtlinge sehr hoch, erzählt …“ (ein Berufsschulleiter, der auch selbst in den Flüchtlingsklassen unterrichtet)

    „Julia Liberas Vater hatte jahrelang entnervt überhaupt keine Azubis mehr eingestellt, aktuell sind es fünf. „Und wir würden jederzeit wieder einen Flüchtling einstellen – sie geben sich mitunter mehr Mühe (…), ergreifen die Chance, die wir bieten“ (Anmerkung dazu: wie aus dem Artikel hervorgeht, finden Flüchtlinge meist erst nach einer wahren Odyssee durch diverse Einrichtungen, Schulen und Ämter zu einer Lehrstelle – wenn überhaupt)

    „Wir drängen die Jungs, Gas zu geben, aber um sinnvoll zu arbeiten, brauchen wir eine klare Ansage.“ (…) „Stattdessen herrscht totaler Wildwuchs“ (…) „Deutschland weiß nicht, was es will (…) Der mangelnde Realitätswille der Politik ist auch eine Sauerei den Menschen gegenüber, die zu uns gekommen sind“.

    Übrigens nicht nur denen gegenüber.
    (... 2/2)

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